Hintergrund

Übelkeit und Erbrechen[1] sind den Statistiken zufolge für 50 bis 80 Prozent aller schwangeren Frauen ein Problem, das etwa in der 4. Schwangerschaftswoche beginnt und üblicherweise bis zur 12., manchmal aber auch bis zur 16. Schwangerschaftswoche andauert.[2] Dem McGill Nausea Questionnaire[3] zufolge ist die Übelkeit schwangerer Frauen in Art und Intensität vergleichbar mit der von PatientInnen mit einer Karzinomerkrankung, die sich einer Chemotherapie unterziehen.

Morgendliche Übelkeit bzw. Erbrechen haben der Studie von Lacroix und Melzack[4] zufolge nur etwa 1,8 Prozent der schwangeren Frauen, wohingegen etwa 80 Prozent über Übelkeit berichten, die den ganzen Tag anhält. Bis zur 14. Schwangerschaftswoche zeigt sich eine Besserung der Beschwerden nur bei etwa 50 Prozent, bis zur 22. Woche jedoch bei etwa 90 Prozent der Betroffenen.

In den vergangenen Jahren ist der Einsatz von Medikamenten in der Behandlung von Schwangerschaftsübelkeit zurückgegangen und betroffene Frauen greifen, weil sich die Beschwerden nachhaltig auf die Lebensqualität auswirken, zunehmend auf nicht-medikamentöse sowie komplementäre und alternative (CAM-) Behandlungen zurück. Ein wichtiger Grund dafür besteht darin, dass so manche Betroffene daran zweifelt, dass die verabreichten Medikamente für den Fötus unproblematisch und ohne Folgen sind. So zeigte eine Studie von Baggley et al. (2004)[5], das 34 Prozent der schwangeren Frauen die ihnen verschriebenen Medikamente aus diesem Grund nicht und 26 Prozent in niedrigeren Dosen als vorgeschrieben einnehmen.

Unter den komplementären und alternativen Ansätzen hat Akupressur, die auf den Grundlagen der Traditionellen Chinesischen Medizin beruht, eine lange Geschichte in der Behandlung von Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft. Und während Studien zur Wirksamkeit von Akupressur bei Schwangerschaftserbrechen und -übelkeit bislang vor allem den Punkt P 6 (Neiguan) in den Mittelpunkt stellten, wählten Naeimi Rad Mojgan et al.[6] den Punkt Ni 21 (Youmen, dunkles Tor).[7]

Der Chong Mai (Vitalitätsgefäß, Impulsgefäß) verläuft von KG 1 über Ma 30 zu Ni 11 und dann entlang dem Nierenmeridian bis zu Ni 21 Von dort dringt in den Thorax ein, verläuft durch den Schlund nach oben und umkreist den Mund. Eine seiner Funktionen ist die energetische Verbindung von Magen und Gebärmutter und dementsprechend hat der Chong Mai das Potential, wenn das Qi rebelliert, den Magen in seiner absenkenden Funktion zu blockieren und damit Übelkeit und Erbrechen verursachen.

Ni 21 (6 cun über dem Nabel und ½ cun neben der Mittellinie, auf dem Nierenmeridian) ist den Grundlagen von Akupunktur und Akupressur zufolge in der Lage, den Chong Mai zu harmonisieren und damit Übelkeit und Erbrechen lindern.[8] Dieser Punkt bietet sich in der Behandlung auch dann an, wenn die Arme nicht behandelt werden können, z.B. wegen Schwellungen, Hauterkrankungen oder Verbrennungen. Aus diesen Gründen wurde Ni 21 in der vorliegenden Studie ausgewählt.


Studiendesign

Durchgeführt wurde die Untersuchung als Single-Blind-Studie, wobei letztlich jeweils 40 schwangere Frauen im Alter zwischen 18 und 35 Jahren in der Verum-/Versuchs-Gruppe (Anwendung von Ni 21) und in der Placebo-/Kontroll-Gruppe waren.

Die Voraussetzungen, die die Versuchsteilnehmerinnen erfüllen mussten, waren eine gesunde Schwangerschaft im ersten Drittel, leichte bis schwere Übelkeit und Erbrechen, normale Werte hinsichtlich der Elektrolyte und keine Erkrankungen, die unmittelbar die Übelkeit hervorrufen könnten wie gastrointestinale Erkrankungen und Blutdruckprobleme oder andere Faktoren wie z.B. Rauchen oder eine unerwünschte Schwangerschaft. Ein Ausschlussgrund war aber auch die Einnahme von Medikamenten gegen die Übelkeit. Die beiden Gruppen (Versuchs- und Kontrollgruppen) wurden hinsichtlich Schwangerschaftsalter, Intensität der Übelkeit und Häufigkeit des Erbrechens angepasst. Jede Frau hatte aber auch jederzeit die Möglichkeit, die Studienteilnahme jederzeit abzubrechen, was drei der ursprünglich 85 Frauen in der Verum-Gruppe und zwei in der Placebo-Gruppe in Anspruch nahmen.

Von den 80 Versuchspersonen, die in der Studie verblieben, war es bei 38 Frauen nicht die erste Schwangerschaft, wobei 24 von ihnen (63,2%) schon in den früheren Schwangerschaften unter Übelkeit und Erbrechen litten.

Erhoben wurden von jeder Frau soziodemographische Daten mittels eines Fragebogens und die Intensität ihrer Übelkeit mit Hilfe einer standardisierten Visuell-Analogen-Skala (VAS, Visual Analogue Scale), die einen Bereich von 0 bis 10 erfasst.[9] Ergänzend wurde noch die Häufigkeit des Erbrechens erhoben.


Durchführung der Studie

In beiden Studiengruppen (Verum und Placebo) wurden die üblichen Empfehlungen zur Vermeidung/Minderung der Übelkeit gegeben: das Essen kleiner Portionen, nicht bis zum Völllezustand essen, fettes und stark gewürztes Essen vermeiden, trockenes Brot oder Cracker vor dem Schlafengehen zu essen... Alle Frauen haben zudem Vitamin B6 bekommen und wurden ausnahmslos zwischen 17 und 19 Uhr behandelt, wobei die Türen und Fenster während der Behandlung geschlossen blieben und niemand den Raum betreten durfte, um äußere Reize/Einflüsse zu vermeiden.

Die Behandlung erfolgte durch das sanfte Auflegen der Daumen auf Ni 21 beidseits bzw. auf andere („falsche") Punkte in der Placebo-(Sham-)Akupressur. Anschließend erhöhte die BehandlerIn den Druck so lange er nicht schmerzhaft war. Wenn Schmerz entstand, wurde der Druck nachgelassen bis der Schmerz wieder völlig abgeklungen war. Zugleich wurde die Druckstärke auch objektiv erfasst durch die Verwendung eines Kraftmessers[10], dessen Mess-Basis die Verfärbung des Fingernagels der BehandlerIn war.

Der Druck auf Ni 21 (bzw. die Placebo-Punkte) wurde tief und fest zwei Minuten lang angewendet, immer aber so, dass er von der Behandelten gut angenommen werden konnte, dann auch abwechselnd links und rechts für weitere 2 Minuten. Anschließend wurde der Druck nachgelassen und der Punkt weitere zwei Minuten massiert, um den Nieren-Meridian anzuregen. Insgesamt wurde diese Vorgehensweise 20 Minuten lang durchgeführt - vier Tage hintereinander. Ergänzend wurde den Frauen gesagt (und entsprechend erklärt), dass sie diese Vorgehensweise auch dann (selbst) durchführen ausführen können, wenn sie Übelkeit aufsteigen spüren.

Auch in der Placebogruppe wurde der Druck, allerdings auf einen „falschen“ Punkt[11] für 20 Minuten täglich an vier aufeinanderfolgenden Tagen gleichermaßen ausgeübt.

Die schwangeren Frauen wurden während dieser vier Tage täglich hinsichtlich Veränderungen der Übelkeitsintensität erfasst und füllten die erforderlichen VAS(Visual Analogue Scale)-Fragebögen aus. Darüber hinaus wurde in beiden Gruppen täglich die Häufigkeit des Erbrechens aufgezeichnet, um dessen Intensität zu bewerten.


Ergebnisse

Von den ursprünglich 85 schwangeren Frauen, haben drei Teilnehmerinnen der Interventions- und 2 Teilnehmerinnen der Kontrollgruppe die Studie nicht beendet und wurden deshalb aus der Auswertung herausgenommen. Bei den verbleibenden Frauen zeigten sich keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich Alter, Schwangerschaftsalter, Bildung, Beruf und anderen, erfassten gesundheitlichen, sozialen oder persönlichen Merkmalen. Und es gab auch zu Beginn der Studie keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen in Hinblick auf die Intensität der Übelkeit oder die Häufigkeit des Erbrechens ebenso wie in der Druckstärke der angewandten Akupressur.

Für 38 der Studienteilnehmerinnen war es nicht die erste Schwangerschaft. 24 (63,2 %) von ihnen litten schon in ihrer/n vorigen Schwangerschaft/en an Übelkeit und Erbrechen, 14 (36,8 %) nicht.

Am 4. Tag der Studie zeigten sich statistisch deutlich signifikante Unterschiede hinsichtlich der Intensität der Übelkeit zwischen der Verum- und der Placebo-Gruppe (die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen haben von Behandlungstag zu Behandlungstag zugenommen), ebenso die Häufigkeit des Erbrechens. Nebenwirkungen sind keine aufgetreten.

Die Ergebnisse zeigen deutlich, so die Autoren, dass die Akupressur-Behandlung von Ni 21 wirksamer ist als eine Placebo-Behandlung[12] und positiv auf Übelkeit und Erbrechen im ersten Schwangerschaftsdrittel wirkt - ein Ergebnis, das bisher in der Forschung in dieser Prägnanz noch nicht vorlag, denn es gab zwar beispielsweise eine Akupunktur-Studie von C. Smith (2002)[13], in der Ni 21 verwendet wird, aber nicht ausschließlich, sondern in Kombination mit anderen Punkten, von denen ebenfalls ein Einfluss auf Übelkeit und Erbrechen „bekannt" ist.

 

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[1] Nausea gravidarum und Emesis gravidarum.

[2] Stables D, Rankin J. Disorders in early pregnancy. In: Stables D, Rankin J, editors. Physiology in Childbearing. 1st ed. London: Bailliere Tindall Company; 1999.

[3] Basierend auf dem McGill Frageboten zu Übelkeit: https://www.researchgate.net/publication/19120003_New_approaches_to_measuring_nausea. Zugriff: 5.12.2018.

[4] Lacroix R, Eason E, Melzack R. Nausea and vomiting during pregnancy: A prospective study of its frequency, intensity, and patterns of change. Am J Obstet Gynecol. 2000;182(4):931-7. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10764476. Zugriff: 5.12.2018.

74 Prozent der schwangeren Frauen, so das Ergebnis der Studie leiden, unter Übelkeit, die im Durchschnitt 34,6 Tage andauert.

[5] Baggley A, Navioz Y, Maltepe C, Koren G, Einarson A. Determinants of women's decision making on whether to treat nausea and vomiting of pregnancy pharmacologically. J Midwifery Womens Health. 2004;49(4):350-4.

[6] Mojgan Naeimi Rad, Minoor Lamyian, Reza Heshmat, Mohammad Asghari Jaafarabadi, Shahla Yazdani: A Randomized Clinical Trial of the Efficacy of KID21 Point (Youmen) Acupressure on Nausea and Vomiting of Pregnancy. Iranian Red Crescent Medical Journal. 2012 November; 14(11): 697-701, http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3560537). Zugriff: 5.12.2018.

[7] Barsoum G, Perry EP, Fraser IA. Postoperative nausea is relieved by acupressure. J R Soc Med. 1990;83(2):86-9.

[8] Als weitere Indikationen für diesen Punkt geben die AutorInnen Bauchschmerzen, Brustschmerzen, Hustenblut, Blut im Stuhl, Durchfall, Herzschmerzen bei Frauen, Gedächtnisverlust, Abszess der Brust und fehlenden Milchfluss an.

[9] 0 bedeutet hier den bestmöglichen Zustand, also das völlige Fehlen von Übelkeit, und 10 den schlimmsten Fall von Übelkeit.

[10] Verwendet wurde ein Kraftmesser der Firma Lurton Electronic Enterprise Co., Ltd., Taipeh, Taiwan.

[11] Ausgewählt wurde ein Punkt lateral des Nieren-Meridians und oberhalb von Ni 21, der lt. AutorInnen auf Energiemangel wirkt. Es wird allerdings nicht ausgeführt, um welchen Punkt (sofern es ein „offizieller“ Punkt ist) es sich konkret handelt. Er wird in Abbildung 1 der Studie nur graphisch dargestellt.

[12] Auch in der Placebo-Gruppe gab es Verbesserungen, die aber klinisch nicht relevant waren.

[13] Smith C, Crowther C, Beilby J. Acupuncture to treat nausea and vomiting in early pregnancy: a randomized controlled trial. Birth. 2002;29(1):1-9.

Die Akupunktur-Behandlung von Ni 21 gemeinsam mit anderen Punkten, die auf Übelkeit und Erbrechen wirken, erwies sich in der Studie von Smith zwar als wirksamer als die Akupunktur von P 6 allein oder auch Sham-Akupunktur, allerdings nur in Hinblick auf die Übelkeit, nicht auf die Häufigkeit des Erbrechens. Möglicherweise, so vermutet Smith, wirkt sich eine größere Häufigkeit der Behandlung hier positiv aus.