In Österreich ist Shiatsu nunmehr seit einigen Jahren ein anerkannter Beruf mit gutem Ruf und einem mittlerweile durchaus hohen Bekanntheitsgrad, auch wenn es immer noch Menschen gibt, die Shiatsu mit einem Kampfsport verwechseln. Aber allein der Umstand, dass Shiatsu ein Ziel von österreichischen Kabarettisten (wie Hader, Niavarani, Heilbutt & Rosen ...) ist, zeigt die Verankerung im öffentlichen Bewusstsein. Was also, so kann man sich als Shiatsu-PraktikerIn in Österreich deshalb fragen, bringt der europäische Dachverband für Shiatsu (European Shiatsu Federation, ESF)? Und diese Frage stellt sich vor allem dann, wenn man die Kosten in Betracht zieht, die die Mitgliedschaft dem ÖDS abverlangt. Macht es denn nicht mehr Sinn, den Mitgliedsbeitrag, der hier gezahlt wird, in eine gute Öffentlichkeitsarbeit in Österreich zu investieren? Wäre damit nicht mehr zu erreichen und zudem mehr im Sinne der zahlenden Mitglieder des ÖDS, die davon profitieren, wenn Shiatsu als Qualitätsmarke und professionelle Behandlungsmethode in der Öffentlichkeit noch stärker ins Bewusstsein gebracht wird?

Eine solche Fragestellung ist nicht von der Hand zu weisen, dennoch aber sollte man sich dazu ein paar grundlegende Gedanken über den (erweiterten) Gesundheitssektor in Österreich und Europa machen, um über mittel- und langfristige Strategien zur Förderung von Shiatsu und der mit Shiatsu arbeitenden Menschen (ebenso wir deren KlientInnen) zu entscheiden.

Tatsache ist, dass Shiatsu in Österreich als einzigem Land in der EU  mit einem eigenen Berufsbild gesetzlich geregelt ist und damit hierzulande einen weitgehend gesicherten Status hat (einzig die Schweiz hat seit 2014 ebenfalls eine gesetzliche Regelung: hier ist Shiatsu im Rahmen des Berufs der Komplementärtherapeutin, des Komplementärtherapeuten verankert). Dazu kommen die nunmehr in Gesetz getretene EU-weite Niederlassungsfreiheit und vor allem die Zufriedenheit der immer mehr werdenden Shiatsu-Empfangenden, die dazu beitragen, dass Shiatsu in Europa weiter Fuß fasst. Diese „Bottom-up-Bewegung“ ist sicherlich ein großer und wichtiger Bestandteil der Verbreitung und Einbindung von Shiatsu in die Gesellschaft und den öffentlichen Bereich.

Vernachlässigen sollte man dabei aber nicht das Potential des „Top-down“. So war die Aufnahme von Shiatsu in die „Entschließung der Europäischen Union vom 29. Mai 1997 zur Rechtsstellung der nichtkonventionellen Medizinrichtungen“ ein wichtiger Meilenstein auch für die Anerkennung von Shiatsu in Österreich als eigenständiges Teilgewerbe. In ähnlicher Weise kann die Anerkennung und Einbindung von Shiatsu als komplementäre Methode im (erweiterten) Gesundheitsbereich auf höchster EU-Ebene eine enorme Wirkung erzielen. Das zu erreichen hat sich die European Shiatsu Federation als primäres Ziel gesetzt und eben dieses verfolgt sie seit ihrer Gründung vor nunmehr etwa 17 Jahren.

 
Die Geschichte der European Shiatsu Federation (ESF)

Gegründet wurde die ESF (http://www.shiatsufederation.eu) im Februar 1994 von den nationalen Verbänden von Italien (Federazione Italiana Shiatsu, FIS), England (Shiatsu Society), Schweiz (Shiatsu-Gesellschaft Schweiz, SGS), Deutschland (Gesellschaft für Shiatsu in Deutschland, GSD) und Österreich (Österreichischer Dachverband für Shiatsu). Die wesentlichsten Aufgaben, die sie sich zum Ziel gesetzt hat, sind:

  • die europaweite Legitimierung von Shiatsu als eigenständiges Berufsbild im Bereich der alternativen und komplementären Gesundheitsberufe;
  • gegenseitige Hilfe und Unterstützung bei den nationalen Bestrebungen, ein eigenes Berufsbild für Shiatsu-PraktikerInnen zu schaffen;
  • die Förderung und Mitentwicklung von Forschungsprojekten in Bezug auf Shiatsu;
  • einheitliche Ausbildungsrichtlinien für Shiatsu-PraktikerInnen und LehrerInnen; die Förderung des Erfahrungsaustausches zwischen den einzelnen europäischen Ländern etwa in Form von internationalen Kongressen und Workshops;
  • sowie die Entwicklung der European Shiatsu Federation als internationale, professionelle Standesorganisation.

Auf Grund u.a. inhaltlicher Differenzen traten 2001 die Schweiz (SGS) und 2002 Italien (FIS) und Deutschland (GSD) aus der ESF aus. Sie gründeten im September 2003 zusammen mit Frankreich (FFST) das International Shiatsu Network (ISN, http://www.shiatsunetwork.com), so dass heute Österreich, Belgien, Griechenland, Großbritannien, Irland, Schweden, Spanien und Tschechien sowie Feder-Shiatsu (Italien) Vollmitglieder der ESF sind.

 
Die Studie „The Effects and Experience of Shiatsu“

Nach der Schaffung von europaweit geltenden Mindeststandards für die Shiatsu-Ausbildung und der Aufnahme von Shiatsu als komplementärmedizinische Behandlungsmethode in den Lannoye-Report, der die nicht-konventionelle Medizin in Europa regeln sollte (Grundlage der „Entschließung der Europäischen Union vom 29. Mai 1997 zur Rechtsstellung der nichtkonventionellen Medizinrichtungen“), war das nächste große Projekt der ESF eine wissenschaftliche Studie zur Wirksamkeit und Sicherheit von Shiatsu, um die Einbindung von Shiatsu in das europäische Gesundheitswesen (in dem Prävention eine große Rolle spielt) zu erreichen.

Ausgangspunkt für die arbeits- und kostenintensive Studie war vor allem die oben angeführte Enschließung, die die Auffassung des EU-Parlaments festhält, dass sich klassische und komplementäre Behandlungsmethoden und Zugangsweisen zu Gesundheit und Krankheit nicht ausschließen, vielmehr ergänzend sein können. Im Vordergrund aber stehe die Sicherstellung der bestmöglichen Wahl an Therapien, ein Maximum an Sicherheit und eine möglichst genaue Information über Wirkung, Qualität und Risiken der jeweiligen Therapiemethoden.

Durchgeführt wurde „The Effects and Experience of Shiatsu: A Cross-European Study“ von Andrew F. Long (School of Healthcare, University of Leeds) in Österreich, Spanien und Großbritannien in Form einer (longitudinalen) Kohortenstudie – basierend auf einer Pilotstudie von Hannah Mackay und Prof. Andrew Long (September 2001 bis Dezember 2002, siehe www.shiatsu-austria.at/einfuehrung/forschung_8.htm). Jede KlientIn wurde gebeten insgesamt vier Fragebögen auszufüllen, den ersten zu Beginn der Shiatsu-Sitzungen („Baseline“), den zweiten vier bis sechs Tage nach der ersten Shiatsu-Sitzung, den dritten nach drei und den vierten nach vier Monaten. Die primären Forschungsziele waren Wahrnehmungen von Shiatsu-Empfangenden über kurz- und längerfristige Wirkungen und Erfahrungen mit Shiatsu ebenso wie Einblicke in die individuellen Zugänge von Shiatsu-Praktizierenden. Abgeschlossen wurde die Studie Anfang Dezember 2007.

Von den insgesamt 948 TeilnehmerInnen an der Studie haben 633 alle vier Fragebögen ausgefüllt und wurden in die Auswertung aufgenommen. Die von den Shiatsu-Empfangenden in Großbritannien, Spanien und Österreich gemachten Erfahrungen und subjektiv wahrgenommenen Veränderungen wurden somit über einen Zeitraum von etwa sechs Monaten erfasst. Die so gewonnenen Daten gehen in ihrer Aussagekraft deshalb weit über Einzelberichte hinaus, wie wir sie als Shiatsu-Praktizierende erfahren. Damit liegen erstmals Daten vor, die Shiatsu-Erfahrungen gleichsam auf einer subjektiven Ebene objektivieren und zeigen wie positiv die Wirkungen von Shiatsu wahrgenommen werden und wie sicher Shiatsu in seiner Anwendung ist (so berichten die TeilnehmerInnen der Studie beispielsweise über signifikante, d.h. statistisch deutlich über den Zufall hinausgehende Besserungen ihrer Beschwerden, über eine allgemeine Verbesserung ihrer Gesundheit und über einen besseren Umgang mit den Herausforderungen des Lebens.) - und damit Daten, die politischen Entscheidungsträgern als Beleg der Wirksamkeit und Professionalität von Shiatsu präsentiert werden können.

 
Die Integration von Shiatsu in das (erweiterte) europäische Gesundheitswesen

Ein vorrangiges Ziel der ESF, und dafür war die Shiatsu-Studie eine wichtige Grundlage, ist nach wie vor das Lobbying bei den für die Gesundheitspolitik in Europa zuständigen Behörden. Mit diesem Ziel wurde 2004 die EFCAM (European Forum for Complementary and Alternative Medicine, http://www.efcam.eu) gegründet, um eine Dachorganisation für komplementäre und alternative Medizin (CAM) und Gesundheitsvorsorge zu schaffen. Aufgabe der EFCAM ist es, die gemeinsamen Anliegen und Absichten von BehandlerInnen, PatientInnen und sonstigen NutzerInnen vom komplementären und alternativen Gesundheitsmethoden in der Europäischen Union zu vertreten und zu fördern.

Neben CAM-Disziplinen wie Homöopathie, Phytotherapie, Anthroposophische Medizin, TCM und anderen ist, wie schon oben erwähnt, die European Shiatsu Federation als Gründungsmitglied in der EFCAM vertreten. (Zu beachten ist dabei, dass das Wort CAM – Complementary and Alternative Medicine; zwar Medizin und „ärztliche Tätigkeit“ impliziert, dass dieser Begriff im Alltag der EU von den Verantwortlichen aber umfassender, d.h. in Richtung „Methods“ oder "Health Care" – ohne Trennung von Ärzten und Nicht-Ärzten – verstanden und verwendet wird. Eine Änderung des Begriffs wird nicht angestrebt, weil er sich schon fest etabliert hat und in der Folge nur Verwirrung und Irritation mit sich bringen würde.)

Im Herbst 2010 wurde – und das ist ein großer Erfolg für die bisherigen Bemühungen – die EFCAM von DG Sanco (Directorate General for Health and Consumer, quasi das Gesundheitsministerium der EU) als alleinige Vertreterin für alternative Medizin (Methoden) im politisch einflussreichen und wichtigen European Health Policy Forum bestimmt, dessen aktuelle Initiative „Aktives und gesundes Altern“ ist – mit dem Ziel die Lebenserwartung in Europa bis 2020 um zwei Jahre (bei guter Gesundheit) zu erhöhen. Die EFCAM (und damit auch Shiatsu) hat hier – auf höchster politischer Ebene – die Möglichkeit, alternative Projekte, Gesichtspunkte und Strategien in die Entscheidungen der EU einzubringen.

 
Die Kosten und wie sie bestritten werden

Derzeit vertritt die ESF etwa 2.640 Mitglieder, wobei in ganz Europa, Belgien ausgenommen, die Mitgliederzahlen gesunken sind. Von den pro Mitglied in den nationalen Verbänden bezahlten Mitgliedsbeiträgen (ca. 15 Euro, nach Mitgliederzahlen gestaffelt) werden rund 9 Euro für das politische Lobbying in der EU aufgewendet. Für 2010 waren das etwa 25.400 Euro, und ein ähnlicher Betag wird auch für 2011 veranschlagt. (Mit dem restlichen zur Verfügung stehenden Geld werden die laufenden Aufwendungen der ESF und die Meetings finanziert, die üblicherweise dreimal im Jahr stattfinden.)

 
Kooperation mit dem ISN

Nach Jahren der „Sprachlosigkeit“ zwischen den beiden europäischen Shiatsu-Verbänden kam es auf österreichische Vermittlung im Mai 2009 in Rom zu einem ersten Treffen von ESF- und ISN-VertreterInnen. Ziel des Treffens (und geplanter nachfolgender) war die Sondierung möglicher Zusammenarbeit auf europäischer Ebene, um Shiatsu optimal vertreten und im europäischen Gesundheitswesen (und in der Gesundheitsvorsorge) bestmöglich zu positionieren.

Das nunmehr zweite Treffen zwischen VertreterInnen von ESF und ISN fand im Oktober 2010 in Prag statt. Beschlossen wurden hier vor allem die Erarbeitung eines gemeinsamen, europaweiten Curriculums und generell gemeinsamer Standards und Definitionen, die für das Lobbying in der EU höchst notwendig sind. Inwieweit sich das ISN am Lobbying in der Europäischen Union direkt beteiligen möchte (und in welcher Form), ist offen und wird erst in den ISN-Gremien besprochen und beschlossen. (Präsentiert werden die Ergebnisse der Erarbeitung gemeinsamer Standards von ESF und ISN, soweit sie dann vorliegen, am 3. Europäischen Kongress in Kiental, Oktober 2011.)

 
Gemeinsam für Shiatsu in Europa

Die Einladung der EFCAM, in der Shiatsu ein wichtiger Vertreter ist, in das European Health Policy Forum als Sprecherin für komplementäre und alternative Gesundheitsansätze und die Zusammenarbeit der europäischen Dachorganisationen ESF und ISN zur Etablierung europaweiter Standards weisen in eine gute und erfolgreiche Zukunft von Shiatsu in Europa. Noch ist allerdings viel zu tun bis Shiatsu – wie auch andere komplementäre und alternative Ansätze, denn nur die Zusammenarbeit, so hat die bisherige Geschichte gezeigt, ist zielführend – seinen wohlverdienten Platz im europäischen Gesundheitsbereich (und damit auch in der Gesundheitsvorsorge) findet. Wichtige Weichen auf diesem Weg aber sind gestellt. Mittel- und langfristig gesehen weisen die Bestrebungen der ESF in eine erfolgsversprechende Richtung. Und auch wenn die Ergebnisse dieser Interventionen zeitlich nicht unmittelbar zu Tragen kommen, so deutet sehr viel darauf hin, dass sie für eine gute Zukunft von Shiatsu geradezu unverzichtbar sind.

(Originalbeitrag aus 2011, aktualisiert)