Die Akupunktur ist heute in Österreich und Deutschland als Heilmethode weit verbreitet und ihre Kosten werden zumindest teilweise von den Krankenkassen übernommen. Über 30.000 Mediziner, wie Die Zeit 51/2008 berichtet, bieten derzeit in Deutschland Akupunktur an, prozentuell gesehen mehr Ärzte als in China. Dort kommen über 5.000 Patienten auf einen Akupunkteur, in Deutschland nur rund 2.500.

Groß angelegte Studien in den vergangenen Jahren (Gerac – German Acupuncture Trials, Art – Acupuncture Randomized Trials), bei denen rund 600.000 Patienten genadelt wurden, zeigen ein, wie Die Zeit schreibt, verwirrendes Ergebnis, denn zum einen hat sich die Akupunktur als sehr wirksam und der westlichen Standardmedizin überlegen erwiesen (bei chronischen Kniegelenks- und Rückenbeschwerden), bei anderen (Kopfschmerzen) hingegen nicht – die deutschen Krankenkassen haben das sehr pragmatisch hingenommen und bezahlen seit 2006 Akupunktur bei Knie- und Rückenbeschwerden, nicht jedoch bei Kopfschmerzen.1

Irritierender und in der Folge als sehr unterschiedlich interpretiert war jedoch ein anderer Befund: Gleich ob die Behandler die Akupunkturpunkte der klassischen Meridianlehre verwendeten oder nicht, es machte kaum einen Unterschied. Die Wirkung der Nadelung schien weitgehend dieselbe zu sein, nur bei der Behandlung von Kniearthroseschmerzen scheint die Wahl der gestochenen Punkte von grundlegender Bedeutung für den Behandlungserfolg zu sein (Art-Studie).2

Aus der Sicht der westlichen, evidenzbasierten Medizin bestätigt sich damit das Konzept der Energiebahnen (Meridiane) im Körper nicht und für viele westliche Mediziner scheint deshalb erwiesen, dass bei der Akupunktur allenfalls Placeboeffekte und ein unspezifischer Nadeleffekt wirksam werden. Entsprechend müssen also andere Wirkmechanismen gefunden werden, um der Akupunktur zu wissenschaftlicher Anerkennung zu verhelfen.

Strenggläubige Verfechter der TCM indes halten an der traditionellen Lehre von den Energiebahnen fest und sehen alle westlichen Erklärungsmodelle als einen Verrat am Mythos, wie Ulrich Schnabel in Die Zeit 51/2008 schreibt. Vielfach werden zwar moderne westliche wissenschaftliche Erklärungsmodelle einbezogen, das Konzept der Meridiane als Informationswege jedoch beibehalten. Klassischerweise nämlich, so Barbara Kirschbaum (Ärztin für Chinesische Medizin und Lehrbeauftragte der Universität Witte/Herdecke), beruhen das westliche und östliche Medizinverständnis auf unterschiedlichen Paradigmen. Während der Westen die kausal-analytische Betrachtungsweise favorisiert, stützt sich die chinesische Medizin auf eine induktive, synthesebildende Methode. Eine wissenschaftliche Erklärung einzelner Methoden, so fürchtet Kirschbaum, könnte zu einer Fragmentierung der Praxis der chinesischen Medizin führen und letztlich auch den Zauber einer ganzheitlichen Behandlungsweise zerstören, die auf scheinbar uralter Weisheit beruht (Die Zeit 51/2008).

Gustav J. Dobos, der an der Universität Duisburg-Essen den einzigen deutschen Lehrstuhl für Naturheilkunde (mit Schwerpunkt Chinesischer Medizin) innehat und Chefarzt für Innere Medizin an den Kliniken Essen-Mitte ist, hingegen sieht die hohe Wirksamkeit der Akupunktur durch die Studien bestätigt und sucht nach einem Modell, eine Sichtweise mit der er „ein altes Verfahren auf ganz neue Beine stellen“ kann – ähnlich Johannes Bischko, der in seinen Vorlesungen zur Akupunktur die Ansicht vertrat, dass die Chinesische Medizin vielfach mit falschen Annahmen und Modellen zu durchaus richtigen Ergebnissen kam.

Dobos erlebt die Erklärung der Akupunktur deshalb als so schwierig, weil sie manchmal deutlich besser als die westliche Standardtherapie wirkt, manchmal schlechter und weil es manchmal auf spezifische Akupunkturpunkte anzukommen scheint und manchmal überhaupt nicht. Dobos ging deshalb mit Unterstützung von Iven Tao (Sohn eines chinesischen Arztes, der Medizin, Sinologie und Psychologie studiert hat) der Frage nach, seit wann überhaupt von spezifischen Akupunkturpunkten die Rede ist und wie sie ursprünglich definiert wurden. Dabei verglich er klassische Texte der Han- (206 v. Chr. – 220 n.Chr.), Jin- (265 – 420), Song- 960 – 1279) und Ming-Zeit (1368 – 1644) mit den Inhalten aktueller Lehrbücher.

Die alten Texte, so die Ergebnisse der Forschungen von Tao, waren keinesfalls so exakt beschrieben, wie es heutige Abbildungen glauben machen. „Aufgrund der Beschreibungen in den alten Texte hätte man nie einen Punkt nachvollziehen können“ und teilweise „lagen die Punkte zehn Zentimeter weit auseinander – von einer Punktespezifität im heutigen Sinne konnte damals keine Rede sein“ (Die Zeit 51/2008), vielmehr könne man allenfalls von „reaktiven Arealen“ sprechen.

Die heutigen Tafeln mit den detaillierten Energieleitbahnen und genau festgelegten Punkten sind, wie auch der Sinologe und Historiker Paul Unschuld ausführt, ein Konstrukt (Kunstprodukt), das erst in den 1950er Jahren entstanden ist (vgl. Die Entwicklung der Chinesischen Medizin auf dem Hintergrund von Geschichte und Kultur). Damals gab Mao Zedong die Parole von der Chinesischen Medizin als einer Schatzkammer aus, deren Schätze mit Hilfe der modernen Wissenschaft zu heben seien. Durch die damals von der Regierung eingesetzte Kommission wurden die Energiebahnen und Akupunkturpunkte exakt festgelegt und die Ungenauigkeit in den alten Texten wurde durch wissenschaftlich klingende Exaktheit ersetzt. Damals, so Unschuld, wurde die moderne Traditionelle Chinesische Medizin als Konstrukt geschaffen, ein Kunstprodukt, das weltweit aufgegriffen wurde, aber mit den historischen Ursprüngen zum Teil wenig zu tun hat.3

Für Dobos bedeutet dieser Befund, dass das klassische Konzept der Energiebahnen nicht aufrecht zu erhalten ist, dass es aber sehr wohl auf die reaktiven Areale ankäme. Das würde erklären, warum in den Gerac- und Art-Studien selbst dann eine Wirkung beobachtet werden konnte, wenn neben die klassischen Akupunkturpunkte gestochen wurde. Ein solches Abgehen von exakt lokalisierten Punkten befürwortet auch Barbara Kirschbaum, da „die Menschen (…) nun einmal alle unterschiedlich sind“: „Die ursprüngliche chinesische Medizin hat ja viel mit Anfassen zu tun, man sucht nach Spannungen, Vertiefungen in der Haut und spürt so, wo der rechte Punkt sitzt“ (Die Zeit 51/2008). Ähnlich der Düssldorfer Orthopäde Albrecht Molsberger, der an den Gerac-Studien beteiligt war: „Die chinesischen Punktelandkarten zeigen, mit welchen Akupunkturstellen man gut zum Ziel kommt, man kann jedoch auch andere Wege gehen. Das Prinzip ist entscheidend“ (Tagesspiegel am 11.11.2008).

Für Dobos ergibt sich damit eine moderne, gleichsam nüchterne Theorie, in der die Nadelwirkung auf mehreren, ineinandergreifenden Mechanismen beruht:

  • Neurologische Effekte, die mit der Schmerzwahrnehmung zusammenhängen und – vereinfacht ausgedrückt – darauf hinauslaufen, dass ein bestehender Schmerz durch einen neuen Schmerz an anderer Stelle (ausgelöst durch die Akupunkturnadel) verdrängt werden kann.
  • Spezifische physiologische Effekte, die zumindest an einigen Stellen des Körpers nachgewiesen werden konnten, wie die Ausschüttung von Botenstoffen, die lokal die Schmerzrezeptoren beeinflussen durch Mikroläsionen des Körpers.
  • Psychologische Effekte, die vielfach unter dem Schlagwort Placebowirkung zusammengefasst werden und einen entscheidenden Anteil an der (jeder) Genesung haben.

Zu beachten ist dabei aber auch, dass eine Akupunkturtherapie ein sehr komplexes Therapieverfahren darstellt, bei dem nicht nur die Auswahl der Akupunkturpunkte, sondern auch eine Vielzahl weiterer Faktoren – wie die Stärke der Nadelstimulation, die Anzahl der Nadeln und die Behandlungshäufigkeit – auf die individuelle Situation des Patienten zugeschnitten wird. Ferner entsteht während der Behandlung in der Regel eine intensive Interaktion zwischen Patient und Therapeut, die mitunter eine wichtige Grundlage des therapeutischen Erfolges darstellen kann. Dies sollte allerdings nicht mit dem aus der Pharmaforschung stammenden „Placeboeffekt“ verwechselt werden. Im Gegensatz zur Therapie mit Pharmaka ist in der Akupunkturbehandlung u.a. auch der Faktor ‚Beziehung zwischen Arzt und Patient‘ untrennbarer Bestandteil der Behandlung (G. J. Dobos: Projekte und klinische Forschung an der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin der Kliniken Essen-Mitte).

In derselben Publikation differenziert Dobos zwischenpunktspezifischen und nicht punktspezifischen Effekten:

  • punktspezifische physiologische Effekte,
  • nicht punktspezifische unspezifische physiologische Effekte (z.B. Herzfrequenz, Blutdruck, Atemfrequenz),
  • nicht punktspezifische spezifische psychologische Effekte und
  • nicht punktspezifische unspezifische psychologische Effekte.

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[1] Obwohl die Behandlungserfolge von Akupunktur und (medikamentöser) Standardtherapie keine signifikanten Unterschiede zeigen, entschieden die Krankenkassen in Deutschland wegen der für sie höheren Kosten der Akupunktur (zeitintensive Behandlungen) gegen die Aufnahme der Akupunktur in ihren Leistungskatalog.
[2] Kritisiert werden die Studien allerdings von Akupunkteuren wegen ihrer Simplizität. Die Akupunktur ist dabei unter ihren Möglichkeiten geblieben, denn übergeordnete Muster sind nicht in die Versuchsanordnung einbezogen worden.
[3] Paul Unschuld, Direktor des 2006 gegründeten Stiftungsinstituts für Chinesische Lebenswissenschaften an der Berliner Charité (http://www.charite.de/hgi) hält die aus seiner Sicht unkritische Euphorie für die TCM für geschichtsvergessen und naiv. Dass die TCM heute von chinesischer Sicht gefördert wird – zugleich wird in China intensiv der Anschluss an die moderne Biomedizin und Pharmaforschung gesucht – hat für Unschuld vor allem mit ihrem ökonomischen Potential zu tun: Allein in Deutschland werden mit Traditioneller Chinesischer Medizin mehr als drei Milliarden Euro umgesetzt.
Quellen: Ulrich Schnabel: Hauen ums Stechen. Die Zeit 51/2008, http://www.zeit.de/2008/51/M-Akupunktur?page=all
Sabine Kersebaum: Akupunktur darf nicht zum Fließbandverfahren verkommen! Interview mit Iven Tao. Gehirn & Geist 7-8/2005, http://www.spektrumverlag.de/artikel/837649 Adelheid Müller-Lissner: Die Nadelprobe. Tagesspiegel am 11.11.2008, http://www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/Akupunktur;art304,2658100
Gustav J. Dobos: Projekte und klinische Forschung an der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin der Kliniken Essen-Mitte. http://www.carstens-stiftung.de/wissen/nhk/pdf/Dobos_jb_klinische.pdf
Ins Knie gestochen. ZEIT online, 19.4.2006, http://www.zeit.de/online/2006/17/akupunktur
Die Gerac-Akupunkturstudien, http://www.shiatsu-austria.at/einfuehrung/forschung_16.htm
Die Art-Akupunkturstudien, http://www.shiatsu-austria.at/einfuehrung/forschung_29.htm
(Irrtümer vorbehalten)