In der Einführung der Studie "When Words Lose Their Power" stellen die Autoren (Ze´ev Bergman, Eliezer Wizum und Tamar Bergman1) den Unterschied zwischen dem westlichen und östlichen therapeutischen Zugang dar. Die westliche Trennung zwischen Körper und Geist/Seele entstammt der jüdisch-christlichen Tradition und wurde in der uns bekannten Form von René Descartes (1596 bis 1650) formuliert. Auf Grund dieser Trennung von Körper und Geist hat sich in der westlichen Wissenschaft auf der einen Seite eine Medizin entwickelt, die den Geist (und die Seele) völlig außer acht lässt. Und auf der anderen Seite entstand in der Tradition der Psychoanalyse eine ausschließlich verbale Behandlungstechnik, die keine somatische (körperliche) Behandlung einbezieht.

Die östliche Tradition hingegen hat nie eine solche Trennung von Körper und Geist, Körper und Seele hervorgebracht, sondern verfolgt einen ganzheitlichen Zugang zum Menschen, der immer somatische und psychische Aspekte zugleich umfasst. Eine Behandlung in der östlichen Tradition kann deshalb auch verschiedene Zugänge miteinander kombinieren, da jede Erkrankung im Verständnis der östlichen Medizin eine Disbalance zwischen den verschiedenen Energien innerhalb und außerhalb des Körpers darstellt - und diese Energien können sich physisch oder auch psychisch/geistig ausdrücken.

Als frühe westliche Vertreter eines "somato-psychischen Behandlungsmodells", das körperliche und psychische Behandlung zu integrieren versucht, führen die Autoren Wilhelm Reich und Georg Groddeck an. Reich, ein Schüler Sigmund Freuds, vertrat schon Anfang der Dreißigerjahre die Ansicht, dass unterdrückte Sexualität ebenso wie etwa unterdrückte Aggression sich körperlich im so genannten Muskelpanzer ausdrückt, was die Kombination von Psychotherapie und Körperarbeit nahe legt. Und Groddeck, ebenfalls ein Freud-Schüler, verkündete, dass Massage ein Instrument sowohl für die Diagnose wie auch für die Behandlung sein kann, ja darüber hinaus, dass Massage und Psychotherapie insbesondere in ihrer Kombination höchst effektiv sein können.

Als weiteren Teil ihrer Einführung stellen die Autoren das Konzept des Körperbildes (Körperschema, body image) dar, das der psychischen Repräsentation ("Abbildung") des Körpers entspricht. Die Art und Weise, wie wir - größtenteils ohne uns dessen bewusst zu sein - unseren Körper wahrnehmen, erwerben wir erst im Laufe unseres Lebens, in unserer Begegnung mit der Welt. Unser Körperbild, die Widerspiegelung unserer Körperwahrnehmung, und damit ein wesentlicher Teil unseres Selbsterlebens und Selbstverständnisses, kann aber auch gestört sein. Solche Störungen finden sich im Kontext körperlicher wie auch psychischer Entgleisungen, z.B. in der Anorexie (Magersucht).

Die Beiträge von Shiatsu zur Körpertherapie

Jede PsychotherapeutIn, so die Autoren, erlebt in ihrer Berufserfahrung Situationen, in denen "Worte ihre Kraft verlieren" - dann wenn die TherapeutIn die Gefühle Ihrer KlientIn nicht (mehr) erreicht. In solchen Fällen verliert sich die Wirkung der Psychotherapie. Nonverbale Techniken (z.B. Tanz- und Bewegungstherapie, Gestaltungstherapie etc.) jedoch können hier den gewünschten therapeutischen Durchbruch initiieren. In der vorliegenden Arbeit wird aus diesem Grund Shiatsu in Verbindung mit Psychotherapie angewendet.

In den ersten Lebensjahren erfahren wir die Welt vor allem über taktile Reize, über Berührung - und diese Erfahrung begleitet uns, wenngleich wir uns dessen nicht immer bewusst sind, unser ganzes Leben hindurch. Körperliche Berührung ist über diese unsere Erfahrungen mit angenehmen Gefühlen verbunden, oder aber mit Anspannung. Die Arbeit mit Shiatsu, so die Autoren, spricht deshalb nicht nur direkt physische Zustände an, sondern auch unsere Fähigkeiten bzw. Unfähigkeiten zu entspannen, anzunehmen, sich selbst zu verwöhnen, auf den eigenen Körper zu hören, ihn zu genießen und passiv zu sein.

Kombiniert wurden Shiatsu und Psychotherapie als parallele Behandlungen (wobei es sich als besonders gut erwies, die Psychotherapie unmittelbar den Shiatsu-Sitzungen folgen zu lassen, solange die Erfahrungen aus denselben noch frisch waren), gemeinsame Sitzungen (an denen sowohl die Shiatsu-TherapeutIn als auch die PsychotherapeutIn teilnahmen und in den Sitzungspausen über die entstandenen Gefühle und Erfahrungen gesprochen wurde) und gemeinsame Marathonsitzungen (als besonders intensive Form der gemeinsamen Sitzungen - auch hier bewährte sich besonders die Kombination eines männlichen Therapeuten mit einer weiblichen Therapeutin). Drei Fallbeispiele belegen diesen Zugang und die Arbeitsweise der Autoren.

Aus der Sicht der Autoren ist die Verbindung von Shiatsu und Psychotherapie insbesondere indiziert bei:

  • KlientInnen, die keinen Zugang zu ihren körperlichen Bedürfnissen haben (eine große Kluft zwischen der verbalen und der Körpersprache), oftmals mit dem Selbstverständnis, dass ihre Rolle im Leben Dienen und Gefallen ist - ohne entspannen, annehmen und genießen zu können.
  • KlientInnen mit Störungen im Körperbild und der Schwierigkeit, den eigenen Körper zu akzeptieren (entweder aus körperlichen Ursachen heraus oder aber weil der Körper als "schmutzig" abgelehnt wird).
  • KlientInnen mit frühen Traumatisierungen (eventuell sogar mit der klinischen Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung), die zu emotionalen Blockaden geführt haben.
  • KlientInnen mit fehlendem Urvertrauen (im Verständnis von Erik Erikson), die ständig auf der Hut und angespannt sind.
  • Paare mit, vor allem sexuellen Problemen (insbesondere, wenn fehlende Zärtlichkeit den sexuellen Genuss eines der Partner verhindert), aber auch generell wenn die Schwierigkeit besteht, Gefühle körperlich auszudrücken.

Probleme mit der Kombination von Shiatsu und Psychotherapie

In der abschließenden Diskussion sprechen die Autoren auch Probleme mit der Kombination von physischer Behandlung und Psychotherapie an. Eine wesentliche Kritik entstammt hier der Psychoanalyse, die in diesem Vorgehen eine Störung des "primärprozesshaften Denkens" zu Gunsten eines Ausagierens initiiert sieht. Andere Autoren - zitiert werden E.V. Siegel, A.J. Solnit und J.S. Kestenberg aus der Tanz- und Bewegungstherapie - sehen hingegen keine solche Gefahr. Im Gegenteil vermögen solche körperbezogenen Methoden das Selbst aufzubauen und zu stärken. Entsprechend angewendet kann man auf diese Weise die Desomatisierung unterstützen, das Körperbild (re-)strukturieren und den Ausdruck von Gefühlen unterstützen.

Durch die direkte körperliche Berührung, die in der Tanz- und Bewegungstherapie nicht stattfindet, entstehen allerdings, so die Autoren, auch potentielle Probleme, die berücksichtigt werden müssen. Zum einen besteht die Gefahr (da Shiatsu eine angenehme Behandlung darstellt), dass PatientInnen das Angenehme und die Passivität der Shiatsu-Behandlungen als eine Form des Widerstandes benutzen und - als regressive Tendenz - passiv werden. Andere PatienInnen wiederum können die regressiven Aspekte von Shiatsu-Behandlungen so sehr fürchten, dass sich sich kaum fallen lassen können und deshalb die Shiatsu-Sitzungen abbrechen.

Die Gefahren und Ängste, die mit dem Eintauchen in die Regression verbunden sind, aber auch mit dem Verlassen derselben, müssen deshalb von der PsychotherapeutIn sorgfältig bearbeitet werden. Die Regression sollte nicht pathologisch werden, sondern - wie es die Psychoanalyse ausdrückt - im Dienste des Ichs stehen, d.h. zu einer Stärkung des psychischen Apparates beitragen.

Auch kann es durch den physischen Kontakt der Shiatsu-Behandlung zu erotischen Phantasien der KlientIn kommen, die unter Umständen sogar auszuleben gesucht werden. Um dieses Problem von vornherein zu vermeiden, empfehlen die Autoren, das die Shiatsu-BehandlerIn möglichst das gleiche Geschlecht wie die KlientIn hat. Zusätzlich sollte das Setting der Shiatsu-Behandlungen klar therapeutisch sein, was auch noch zusätzlich durch die Anwesenheit der PsychotherapeutIn während zumindest einigen Sitzungen unterstützt wird - nicht angesprochen allerdings wird die Möglichkeit, dass es durch eben diesen physischen Kontakt auch zu erotischen Phantasien und Wünschen der BehandlerIn kommen kann.

Ein Kritikpunkt an der Verbindung von körperbezogenen Techniken (wie eben Shiatsu) mit der Psychotherapie ist - wieder aus psychoanalytischer Sicht - sind die vielfältigen Probleme, die sich daraus im Bereich von Übertragung und Gegenübertragung ergeben. Gerade um solche Probleme zu vermeiden, ist die psychoanalytische Technik darum bemüht, eine gewisse, wenngleich empathische Distanz mit der KlientIn aufrecht zu erhalten. Systematisch arbeitende TherapeutInnen jedoch, die auf Offenheit und Nähe zwischen TherapeutIn und KlientIn beruhen, sollten jedoch, so die Autoren in ihrer Darstellung, keine speziellen Probleme damit haben, Shiatsu in die Therapie zu integrieren.

Zusammenfassend und abschließend betonen die Autoren für den Fall, dass eine (verbale) Psychotherapie nicht erfolgreich ist, nochmals die Potentialität von nonverbalen Techniken (wie eben Shiatsu), um einen Durchbruch in der Therapie zu initiieren.

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[1] Ze´ev Bergman, Eliezer Wizum und Tamar Bergman: When Words Lose Their Power. Shiatsu as a Strategic Tool in Psychotherapy. In: Journal of Contemporary Psychotherapy Vol. 21, No. 1, 1991, S. 5 - 23.