Das zunehmende Gesundheitsbewusstsein stellt einen Megatrend mit dem Schwerpunkt Prävention dar, der die Gesamtbevölkerung umfasst, wodurch der Gesundheitstourismus zu den wertschöpfungsstärksten Tourismusformen zählt. Von dieser Entwicklung ausgehend stellt Marina Steiner folgende Fragestellungen in den Mittelpunkt ihrer Diplomarbeit:1

  • Wie funktioniert der Arbeitsmarkt für Gesundheitsberufe im Tourismus?
  • Welche Gesundheitsberufe bzw. Qualifikationen werden in Zukunft nachgefragt werden?
  • Welche sind die wichtigsten Aspekte jeder Gesundheitsausbildung und sollten daher in Ausbildungsrichtlinien verankert sein?
  • Wie könnte man Qualitätsstandards für die Ausbildung zu neuen Gesundheitsberufen gewährleisten?

Mittels hermineutischer (Text auslegender, erklärender) Forschung werden Hintergrundinformationen, bestehende Erkenntnisse und Lösungsansätze gewonnen. Dazu kommt die empirische Untersuchung der Ausbildungsrichtlinien von Dach- und Berufsverbänden sowie Interessensvertretungen von neunzehn „Gesundheitsdienstleistungen" in Österreich, die hauptsächlich, wie Marina Steiner ausführt, im komplementärmedizinischen Bereich angesiedelt sind. Speziell wird dabei auf den Österreichischen Dachverband für Shiatsu (ÖDS) eingegangen, da dieser „in seinen Bemühungen um Qualität in der Ausbildung zum/r Shiatsu-PraktikerIn bereits maßgebliche Erfolge erzielt hat," Ergänzend wurden siebzehn Experteninterviews durchgeführt mit zwanzig Experten aus dem Bereich Gesundheitstourismus, Verbände, Ausbildung sowie österreichischem Gesundheitswesen und Medizin.

Gesundheitsverständnis

Im Jahr 1948 definierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Gesundheit als einen Zustand eines vollkommenen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechlichkeit. Die Ottawa-Charta (1986) löste dieses krankheitsorientierte Verständnis von Gesundheit ab und stellte die Gesundheitsförderung an eine zentrale Stelle.2 Um körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erreichen, sind die Befriedigung individueller und sozialer Bedürfnisse, die Wahrnehmung von Wünschen und Hoffnungen als auch die Gestaltbarkeit der Umwelt erforderlich. Gesundheit wird nunmehr stark im Kontext der Lebenszusammenhänge gesehen.

Gesundheitsförderung, so die WHO, zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein hohes Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen.3 Während Gesundheitsförderung damit mehr gesundheitspolitisch und gesellschaftsbezogen verstanden wird und sich mehr auf die damit verbundenen gesundheitsfördernden Ressourcen konzentriert, wird Prävention und das Vermeiden von Krankheiten in der aktuellen Diskussion eher medizinorientiert gesehen. Dabei werden drei Stufen der Prävention unterschieden:

  • Primärprävention fokussiert die Vermeidung von Krankheitsentstehung,
  • Sekundärprävention umfasst die Früherkennung von Krankheiten und
  • Tertiärprävention beinhaltet das Vorbeugen von Folgestörungen bereits bestehender Krankheiten und möglicher Rückfälle.

Das Konzept der Salutogenese nach Aaron Antonovsky wiederum verwirft die Klassifizierung von Menschen als gesund oder krank. Gesundheit und Krankheit bedeuten hier vielmehr Pole eines multidimensionalen Kontinuums, auf dem Menschen lokalisiert werden können. Wesentlich sind im salutogenetischen Verständnis jene Faktoren oder Ressourcen, die zu einer Bewegung in Richtung des gesunden Pols des Kontinuums beitragen.4

Komplementär-, Alternativ-, Traditionelle und Ganzheitsmedizin

Zur Traditionellen Medizin zählt die WHO unter anderem die Traditonelle Chinesische Medizin, das indische Ayurveda und das arabische Unani sowie „Eingeborenen-Medizin“.5 Der Begriff umfasst dabei sowohl Arznei-Therapien mit Kräutern und Bestandteilen von Tieren oder Mineralien, als auch Akupunktur sowie manuelle und spirituelle Behandlungen. In Ländern, wo derartige Behandlungen nicht in das nationale Gesundheitssystem integriert sind, werden stattdessen die Begriffe „komplementäre“, „alternative“ oder „unkonventionelle“ Medizin verwendet.

Komplementärmedizin wird als Heilkunde mit Verfahren zur Diagnose oder Behandlung beziehungsweise Vorbeugung, die die konventionelle Medizin ergänzen, definiert, wohingegen der Begriff „Alternativmedizin“ eher auf eine Alternative zur Schulmedizin hinweist.6

Die Komplementärmedizin hat sich in den letzten Jahren zu einem regelrechten Industriezweig entwickelt. Umfragen aus Österreich, der Schweiz und den USA belegen das wachsende Interesse der Menschen an komplementärmedizinischen, ganzheitlichen Behandlungen. In Deutschland spricht man von einem Drittel der gesamten finanziellen Ausgaben für medizinische Diagnose und Therapie, das der Komplementärmedizin zukommt. Als Gründe für diesen Trend werden insbesondere Neugier, das Bedürfnis nach eigener Gesundheit, Schönheit und Gesundheitserhaltung sowie eine Desillusionierung hinsichtlich der Schulmedizin gesehen. Zudem sind viele Menschen aufgrund von Umweltproblemen, Gefahr von Krieg und Terror und schwindender religiöser Sicherheit verunsichert und suchen in komplementärmedizinischen Methoden Halt und Sicherheit.

Ganzheitlich (holistisch) und natürlich sind grundlegende Begriffe in vielen komplementärmedizinischen Verfahren. Dem subjektiven Befinden wird dabei größere Bedeutung zugemessen als den Diagnosen, die auf konventionelle Weise gestellt werden. Im Mittelpunkt steht ein Ungleichgewicht zwischen oder in Körper und Geist, das als primäre Krankheitsursache gesehen wird. Ganzheitliche Ansätze gehen dabei grundsätzlich davon aus, dass Gesundheit und Krankheit stets körperliche, psychische und geistige Zustände sind. Leib und Seele werden als Einheit aufgefasst.

Die Ganzheitsmedizin fokussiert deshalb nicht einzelne Krankheitssymptome, sondern den kranken Menschen an sich und entspricht damit traditionellen, erfahrungsgestützten Heilsystemen, wie jenen der Traditionellen Chinesischen Medizin oder des Ayurveda sowie verschiedener pflanzen- und naturheilkundlicher Verfahren. Ganzheitsmedizin nützt deren Erfahrungen und Heilmittel neben schulmedizinisch-orientierten Methoden und wissenschaftlich getesteten Medikamenten als komplementärmedizinische Möglichkeiten.

Als Problematik bei den komplementär- und alternativmedizinischen Ansätzen wird der Umstand angesehen, dass Behandlungen oft beliebig kombiniert werden, aber auch die Einzelanwendungen in ihrer Wirksamkeit sowie die Kompetenz der Anbieter kaum überprüft sind.

Gewerbliche Gesundheitsdienstleistungen

Neben den gesetzlich geregelten nichtärztlichen Gesundheitsberufen, die Dienste an gesunden Personen leisten bzw. kranke Menschen nach ärztlicher Anordnung behandeln7, gibt es - abgesehen vom geregelten Gewerbe der Massage, zu dem auch Shiatsu gehört - freie Gewerbe. Um einen freien Gewerbeschein z.B. für „Hilfestellung zur Erreichung einer körperlichen bzw. energetischen Ausgewogenheit" zu bekommen, bedarf es keinerlei Vorbildung oder einschlägigen Ausbildung. Dazu kommt, dass keine Kontrolle der Tätigkeit vorgesehen ist. Kein Verhaltenskodex existiert, es gibt keine Schweigepflicht und auch keinen Schutz für Konsumenten.8

Auch wenn die Behandlung von Kranken und das Verordnen von Therapien nur medizinischen Berufen im Sinne des Ausbildungsvorbehaltsgesetzes erlaubt ist, werden Methoden der komplementären bzw. alternativen Medizin (CAM) in Österreich vielerorts gelehrt und praktiziert. Vertreter dieser Methoden und Techniken bezeichnen sich dabei als „Praktiker“. Dahinter steht die Überlegung, dass sie nicht therapieren, sondern lediglich gesunden Personen „Wohlfühlbehandlungen“ verabreichen. Obwohl dies für Wellnessaktivitäten z.B. in Wellnesshotels sicherlich zutrifft, kann dennoch davon ausgegangen werden, dass auch kranke Menschen derartige Behandlungen in Anspruch nehmen, weil sie sich einen Heilungserfolg versprechen.

Marina Steiner zieht daraus den Schluss, dass vorstellbar wäre, dass gewisse Methoden und Techniken, die als Berufsfeld in ein geschlossenes System einzuordnen sind und deren Wirkung mit naturwissenschaftlichen Methoden eine Bestätigung erfahren hat, Eingang in das Ausbildungsvorbehaltsgesetz finden. Es würden sich hier z.B. Rolfing und Shiatsu anbieten, vor dem Hintergrund des Ausbildungsvorbehaltsgesetztes auf medizinische Relevanz überprüft zu werden. Eine Abgrenzung zwischen gewerblicher Schiene bzw. Wellnessbereich im weitesten Sinne und medizinisch indizierter Anwendung wäre denkbar. Ein medizinisches Diplom auf der einen Seite und eine Gewerbeberechtigung auf der anderen Seite würden - ähnlich wie zwischen dem/r gewerblichen MasseurIn und dem/r HeilmasseurIn - mehr Klarheit und Struktur in die Ausbildung bringen. Denn durch das Hinausschieben notwendiger gesetzlicher Regelungen wird eine unkontrollierte Subkultur geschaffen, die sich im Graubereich zwischen Heilversprechen und Wohlfühlbehandlungen manifestiert.

Gesundheitstourismus

Der Gesundheitstourismus teilt sich in Kur/Rehabilitations-Tourismus und Gesundheitsvorsorgetourismus. Der Gesundheitsvorsorgetourismus, zu dem man den Wellnesstourismus zählt, konzentriert sich auf gesunde Menschen, während der Kur bzw. Rehabilitations-Tourismus von Kranken in Anspruch genommen wird. Menschen im Gesundheitsvorsorge-Tourismus haben zum Ziel, ihre Gesundheit zu erhalten bzw. zu fördern, was zur primären Prävention zählt. Prävention spielt auch in Kur und Rehabilitation eine Rolle, allerdings in sekundärer und tertiärer Form, da der gesundheitliche Schaden bereits gegeben ist.

Für den Gesundheitstourismus sind folgende Aufenthaltsformen von Bedeutung:

  • Wellnessurlaube im Sinne von Erholung,Entspannung und ganzheitlicher Entfaltung gesundheitlicher Ressourcen, 
  • Kuraufenthalte zur Linderung chronischer Leiden,Rehabilitation und Prävention,
  • Rehabilitationsaufenthalte nach Verletzungen oder Krankheiten und
  • Klinikaufenthalte im Sinne von kurativ- und akutmedizinischen Leistungen.

Aus dem anglo-amerikanischen Raum kommend hat der Begriff „Spa" Einzug in die deutschsprachigen Länder gehalten. Die Bezeichnung setzt sich zusammen aus den Worten „sanus per aquam“, was aus dem Lateinischen übersetzt „Gesundheit durch Wasser“ bedeutet.9 Typische Spa-Einrichtungen sind Dampfbäder, Kneipp-Kuren oder Thalassobehandlungen sowie Körpertherapien im Wasser wie die Hydrotherapie. Spa- Einrichtungen werden genauso wie Wellness-Einrichtungen im Gegensatz zur Kur von gesunden Menschen genutzt. Auch hier steht das Motiv der Gesundheitsförderung (Primärprävention) im Vordergrund. Eine intensive Zusammenarbeit mit den Bereichen Gesundheitsförderung, Medizin, Psychologie, Ernährungswissenschaften und Erholungsforschung ist auf alle Fälle, ob man nun von Wellness oder Spa spricht, von enormer Bedeutung für den Gesundheitstourismus.

Wellness

Ursprünglich sind der Begriff Wellness und seine Verwendung auf den amerikanischen Arzt H.L. Dunn zurückzuführen, der 1959 die Begriffe „Fitness“ und „Wellbeing“ vereinte. Er sprach in diesem Zusammenhang auch von „High-level Wellness“, einem Zustand hohen menschlichen Wohlbefindens. Ardell ordnete dann 1977 dem Begriff „High-level Wellness" die Grundelemente Selbstverantwortung, Ernährungsbewusstsein, körperliche Fitness, Stressmanagement und Umweltsensibilität zu. Lanz-Kaufmann definiert Wellness als einen „Gesundheitszustand der Harmonie von Körper, Geist und Seele. Wesensbestimmende Elemente sind Selbstverantwortung, körperliche Fitness, gesunde Ernährung, Entspannung, geistige Aktivität sowie Umweltsensibilität."

Für Zellmann und Opaschowski manifestiert sich im Wellness-Begriff „der körperliche Wandel vom Lebensstandard zur Lebensqualität. Ein Wandel, der vom Körper aus auf den Geist übergreift. Körper, Seele und Geist wachsen im Bewusstsein der Menschen zunehmend zusammen." Wellness wird für sie „zur neuen Destination für Körper, Geist und Seele erklärt. Angestrebt wird eine Mixtur aus Physischem und Psychischem, Mentalem und Spirituellem, Exotischem und Esoterischem. Alles zielt auf Wohl, Wohlsein und Wohlbefinden, auf 'Life in Balance' oder 'Energy Balancing'." Sie weisen dabei auf das Wellness-Modell hin, bestehend aus drei Phasen:

  • Erste Phase: Psychische Entspannung und Sich-Wohlfühlen
  • Zweite Phase: Körperliche Aktivierung und Gesunderhaltung
  • Dritte Phase: Geistige Anregung und Erleben von Neuem

Das heute aktuelle Verständnis von Wellness: „Als Wellness können alle Aktivitäten und Angebote verstanden werden, welche auf eine Entfaltung der körperlichen, geistigen, seelischen und sozialen Fähigkeiten des Menschen abzielen. Wellnessangebote fördern den Aufbau von Eigenkompetenzen und Ressourcen zur Entwicklung von Gesundheit im Sinne eines körperlichen, geistigen, seelischen und sozialen Wohlbefindens."

Die Mischung aus Fitness/Wellness/Mindness10 wird auch als Primärprävention und Präventivmedizin relevant. Fitness, Wellness und Mindness haben alle drei „well-being“ zum Ziel und verstehen sich als „Gesundheitsförderung im umfassenden Sinne.“ In die Auffassung des klassischen Gesundheitsbegriffes fließt die Bedeutung des subjektiven Wohlbefindens. Reiter spricht in diesem Zusammenhang von Wellness als die „Entschleunigungs-Strategie der Jahrtausendwende“, von einem spirituellen Defizit, welches der Wellnessboom anspricht, und von dem Bedürfnis der Menschen nach Regression und Ich- Rekonstruktion.

Einer Studie des FESSEL-GFK Instituts für Marktforschung zufolge gibt es drei Hauptmotive für Wellness:

  • Sich verwöhnen lassen ist primär der jungen weiblichen Zielgruppe wichtig und steht in Zusammenhang mit hohem Wellness-Interesse; allerdings sind die Verwöhntage vielen noch zu teuer.
  • Ausspannen, erholen und Kraft tanken, dem Alltag entfliehen und wieder zur eigenen Mitte finden sind weitere zentrale Wellnessmotive; für Familien heißt die Devise „raus aus dem Alltag und rein ins Vergnügen“.
  • Gesundheit erhalten und Vorbeugen ist vor allem für ältere Menschen wichtig, die den Genusseffekt eher als nebensächlich betrachten und vor allem den Gesundheitsaspekt in den Vordergrund stellen.

Dienstleistungen im Bereich der Komplementärmedizin werden aller Wahrscheinlichkeit nach in Zukunft für den Wellnesstourismus eine wichtige Rolle spielen. Allerdings werden damit verbunden Wirksamkeitsnachweise der angebotenen Leistungen von Versicherungen, Krankenkassen, aber auch von den Gesundheitsgästen selbst zunehmend gefordert werden, da diese zusehends selbst finanziell für die Erhaltung und Förderung ihrer Gesundheit aufkommen müssen und in Zukunft Ansprüche an die Besserung kleinerer gesundheitlicher Anliegen durch einen Wellnessaufenthalt stellen werden.

Die Hauptprobleme hinsichtlich des Arbeitsmarkts für Gesundheitsberufe im Tourismus sind die eher schlechte Bezahlung, vor allem im Osten Österreichs, das zu breite Ausbildungsangebot sowie infolgedessen ein Mangel an Qualifikationen. Hinzu kommt, dass sich Betriebe oft aufgrund fehlender einheitlicher Berufsbilder wenig unter den jeweiligen Berufen vorstellen können.

Damit der Wellnesstourismus sich in Zukunft profilieren kann, wird die Qualität der Ausbildungen im Gesundheitsdienstleistungsbereich von maßgeblicher Bedeutung sein und damit verbunden vor allem eines (zitiert nach Rogner): „Bei den Begriffen Wellness, Spa etc. geht es nicht um Begrifflichkeiten, sondern um das, was dahinter steht: den Kundennutzen. Und dieser beinhaltet körperliches/geistiges/soziales Wohlbefinden. Bezeichnungen werden laufend geändert, weil dieser Kundennutzen nicht geliefert wird. Es ist leichter, Worte zu ändern als Grundhaltungen zu ändern.“

Die Ausbildungssituation

Für die Ausbildung zu Tätigkeiten der Gesundheitsberufe gilt das Ausbildungsvorbehaltsgesetz (§49 des Ärztegesetzes,1996):

„Die Ausbildung zu Tätigkeiten, die durch die einschlägigen gesundheitsberufsrechtlichen Vorschriften, jeweils in der geltenden Fassung, geregelt sind, obliegt ausschließlich den nach diesen Bundesgesetzen dafür vorgesehenen Einrichtungen. Das Anbieten oder Vermitteln solcher Ausbildungen durch andere Personen oder Einrichtungen ist verboten.“

Die Ausbildungssysteme für neue Berufe im Gesundheitsbereich scheinen allerdings so vielseitig zu sein wie die Berufsbezeichnungen, denn mangels klarer Richtlinien schnitzt(e) sich jedes Institut ein eigenes Ausbildungsmodell. Dachverbände und ähnliche Einrichtungen bemühen sich, dort, wo gesetzliche Regelungen für die Ausbildung fehlen, Standards zu erstellen. Da diese Zusammenschlüsse jedoch oft freiwillig erfolgen, ist eine Überprüfung und Einhaltung der Standards allerdings schwierig. Auf gesetzlicher Basis könnten die Handhabung der Ausbildung sowie die Prüfungsabläufe und gesetzten Schwerpunkte weit besser geregelt und ausgeführt werden. Wo gesetzliche Regelungen fehlen ist man auch gegen so genannte „schwarze Schafe“ machtlos, weil ein Berufsverbot für diese nicht durchsetzbar ist. Speziell wird in diesem Zusammenhang in der Arbeit von Marina Steiner „auf die Instrumente zur Qualitätssicherung des ÖDS eingegangen, da dieser in seinen Bemühungen um Qualität in der Ausbildung zum/r Shiatsu-PraktikerIn bereits maßgebliche Erfolge erzielt hat."

Lösungsansätze für die Gewährleistung qualitativer Ausbildung

Als Lösungsansätze für die Gewährleistung qualitativer Ausbildung im Gesundheitsdienstleistungsbereich sieht Marina Steiner insbesondere Dach- und Berufsverbände, ÖNORMEN und Arbeitsgemeinschaften.

Dach- und Berufsverbände

Wichtige Vorteile von Dach- und Berufsverbänden. Sie

  • geben Richtlinien vor und gewährleisten deren Einhaltung;
  • stärken die Posiition nicht geregelter Gesundheitsberufe;
  • sorgen für Öffentlichkeitsarbeit und bilden eine Plattform für professionellen Austausch mit Praktizierenden, Ausbildungsanbietern, anderen Verbänden, Betrieben u.a.m.;
  • leisten Vorarbeit für gesetzliche Regelungen und sind einheitliche Ansprechpartner für den Gesetzgeber; und
  • schaffen Qualitätsmarken, die auf die Kompetenz des so Ausgezeichneten hinweisen.

Begrenzungen von Dach- und Berufsverbänden sind insbesondere:

  • die schwierige Abgleichung unterschiedlicher Ausbildungsrichtlinien zwischen mehreren schon bestehenden Verbänden;
  • die schwierige Überprüfung der Einhaltung der Qualitätsstandards, da es sich bei diesen Verbänden um freiwillige Zusammenschlüsse handelt; und
  • mangelnde finanzielle Ressourcen, die die Möglichkeiten der Dachverbänden z.B. im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit und des Lobbying begrenzen.

ÖNORMEN

Wichtige Vorteile von ÖNORMEN: Sie

  • sichern die Ausbildungsqualität, und
  • Anbieter können mit der Normerfüllung werben.

Herausforderungen sind insbesondere:

  • die große Spannbreite der Ausbildungsmöglichkeiten bzgl. Voraussetzungen, Dauer, Inhalte, Abschlüssen etc. und
  • der langdauernde und schwierige Prozess der Erstellung einer ÖNORM.

Arbeitgemeinschaften (ARGE)

Kooperationen von Betrieben oder Regionen in der Erarbeitung von Berufsbildern und Ausbildungen haben die Vorteile:

  • einer Sicherung praxisgerechter Ausbildungen und Qualifikationen;
  • einer Teilung der Kosten und Aufwände;
  • einer schnellen Lösung, da die Erarbeitung gesetzlicher Regelungen viel Zeit in Anspruch nimmt; und
  • einer Reduzierung bürokratischer Hindernisse und der Probleme unterschiedlicher Interessen.

Allgemeine Empfehlungen zur Qualitätssicherung

Um die erfolgreiche Position nicht nur halten zu können, sondern weiterhin zu stärken und auszubauen, gilt es besonderen Wert auf die Qualität der angebotenen Dienstleistungen zu legen. Gerade im Gesundheitsbereich ist Qualitätssicherung in der Ausbildung von grundlegender Bedeutung. Zum einen, weil es die Mitarbeiter sind, die die Qualität der angebotenen Dienstleistungen maßgeblich beeinflussen, zum anderen, weil mangelnde Qualifikationen der Gesundheitsfachkräfte nicht nur negative Eindrücke bei den Gästen hinterlassen, sondern auch gesundheitliche Schäden dieser zur Folge haben können. Als allgemeine Empfehlungen zur Qualitätssicherung für Gesundheitsdienstleistungen im komplementärmedizinischen Bereich sieht Marina Steiner:

  • eine gemeinsame Grundausbildung für alle diese Berufe, auf der dann Spezialisierungen aufbauen können, und die vor allem die Vermittlung sozialer Kompetenzen, ausreichende Praxis und Selbsterfahrung sowie Kenntnisse der westlichen Medizin umfasst (in Anlehnung an die deutsche Heilpraktikerausbildung oder das A-Modul der Ausbildung zum/r Medizinischen Masseur/in);
  • Partnerschaften zwischen Ausbildungsstätten und Betrieben, z.B. in Hinblick auf Praktika oder eine Jobbörse in Zusammenarbeit zwischen Ausbildungsstätten, Betrieben und Verbänden;
  • externes Controlling der Ausbildungsstätten, die sich zu einem Verband zusammenschließen;
  • Anhebung der Ausbildungsstunden, um der großen Zahl von Berufsumsteigern entgegenzuwirken und mehr Seriosität zu erreichen, wobei die Ausbildung aber „leistbar" bleiben soll;
  • Prüfungen vor staatlichen oder halbstaatlichen Kommissionen als Voraussetzung für die Berufsausübung;
  • Weiterbildungszertifikate über Verbände oder Innungen, eventuell auch begrenzt gültige Ausbildungszertifikate, die durch verpflichtende Fortbildung verlängert werden;
  • Beschäftigungsverhältnisse auf Werksvertragsbasis, die auch kleineren Betrieben die Möglichkeit geben, auf qualifizierte und spezialisierte Fachkräfte zurückzugreifen;
  • Überprüfung von bereits etablierten Methoden auf ihre nachweisliche Wirksamkeit bzw. auch medizinische Relevanz; und
  • eine Trennung zwischen gewerblicher Berufsausübung und einem medizinischen Diplom wie im Fall des/r Gewerblichen MasseurIn, des/der Medizinischen MasseurIn und des/der HeilmasseurIn.

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[1] Marina Steiner: Qualitätsmanagement in der Ausbildung zu neuen Gesundheitsberufen im österreichischen Wellnesstourismus. Diplomarbeit an der IMC Fachhochschule Krems, Fachhochschul-Diplomstudiengang Tourismusmanagement und Freizeitwirtschaft, 2006.
[2] Die deutsche Fassung der Ottawa-Charta ist online unter http://www.euro.who.int/AboutWHO/Policy/20010827_2?language=German.
[3] Im so genannten Settings-Ansatz wird die Ottawa-Charta gleichsam weiterentwickelt, wobei hier die Gesundheitsförderung durch Organisationsentwicklung als entscheidend angesehen wird.
[4] Antonovsky sieht vor allem auch das Kohärenzgefühl (SOC) als bedeutend dafür, dass man sich in Richtung des gesunden Pols bewegt (vgl. Das Konzept der Salutogenese).
[5] WHO - Traditional Medicine Strategy 2002-2005: http://whqlibdoc.who.int/hq/2002/WHO_EDM_TRM_2002.1.pdf
[6] Mit dem Begriff der Alternativmedizin wird in der öffentlichen Diskussion häufig auch eine Gefährdung des Patienten verbunden, weshalb vielfach der Begriff der Komplementärmedizin bevorzugt wird. Auf der anderen Seite wiederum gibt es Bestrebungen, den Begriff der Komplementärmedizin zu vermeiden, da natürliche Verfahren „nicht einfach nur die Schulmedizin ergänzende Methoden sind."
[7] Dazu gehören Berufe wie Physiotherapie, Psychotherapie, Klinische und Gesundheitspsychologie, medizinische und Heilmassage, Hebammen, diplomierte Sozialberatung, Sanitätshilfsdienste etc. Tätigkeiten, die Heilbehandlung oder medizinische Diagnostik beinhalten, sind der Kompetenz des Bundesministeriums für Gesundheit und Frauen zugeordnet und fallen keinesfalls unter den Anwendungsbereich der österreichischen Gewerbeordnung.
[8] Ende 2004 zählte man in Österreich 11.000 „Hilfesteller" und „Energethiker". Siehe auch www.energethiker.att.
[9] Anmerkung: Diese Auslegung des Begriffs „spa" ist nicht ungeteilt. Anderen Autoren zufolge lässt er sich eben gerade nicht aus dem Lateinischen ableiten, sondern geht vielmehr auf den Belgischen Kurort Spa zurück.
[10] Mindness entspricht dem Wiederaufleben der Muße.