Der menschliche Geist wird in der Kognitionswissenschaft gerne mit einem Computer verglichen. Das Gehirn ähnelt dabei der Hardware, die Denkprozesse der Software und die Inhalte dem Daten-Input. Hard- und Software, so wurde lange Zeit vorwiegend argumentiert, sind in den Jahrmillionen der Evolution entstanden, und die relativ kurze Zeitspanne, in der sich verschiedene Kulturen entwickelten, haben höchstens zu vernachlässigbaren Veränderungen der Denkvorgänge geführt. Gleichwohl bestimmt die Kultur den „Input“ und führt so – bei grundsätzlich identischen Denkprozessen – zu unterschiedlichem „Output“ in Form von Wahrnehmungen, Gedanken, Handlungen etc.

Neuere Forschungsergebnisse hingegen legen nahe, dass selbst grundlegende Denkprozesse kulturell geprägt sind. Das Forscherteam Takahiko Masuda und Richard Nisbett (University of Michigan) konnten zeigen, dass sich amerikanische und japanische Testpersonen (am Computer gezeigte) Szenen auf unterschiedliche Art und Weise einprägen. Im Unterschied zu den amerikanischen Probanden nehmen die japanischen Testpersonen die dargebotenen Animationen deutlich ganzheitlicher („holistischer“) wahr.

Im vorliegenden Experiment präsentierten Takahiko Masuda und Richard Nisbett amerikanischen und japanischen Testpersonen am Computer eine realistisch animierte Unterwasserwelt: Im Vordergrund schwammen einige große Fische umher, im Hintergrund tummelte sich kleineres Leben. Hier und da waren Wasserpflanzen und lagen Steine herum.

Nach dem Erlöschen des Bildschirmes sollten die Probanden beschreiben, was sie gerade gesehen hatten. Das Ergebnis war, dass sich die amerikanischen Testpersonen fast ausschließlich auf die großen Fische im Vordergrund konzentrierten und erst später auf andere Bilddetails eingingen. Die japanischen Probanden hingegen schilderten von Beginn an auch Merkmale des Szenenhintergrundes (wie z.B. die Art der Pflanzen oder die Form der Steine) und erwähnten zusätzlich zu den etwa gleich häufig genannten auffälligen Fischen etwa 70 Prozent mehr Randaspekte.

In einer zusätzlichen Untersuchung wurden den Versuchspersonen anschließend verschiedene Standbilder gezeigt, auf denen jeweils ein großer Fisch zu sehen war. Manchmal glich dieser einem Tier aus der Originalanimation, manchmal unterschieden sich Fisch und Hintergrund, und in einigen Fällen entsprach zwar der Hintergrund dem Original, nicht aber der Fisch.

Die Versuchspersonen sollten nun angeben, ob das gezeigte Tier auch in der Originalanimation zu sehen war. Als Ergebnis zeigte sich, dass sich amerikanische Probanden wesentlich sicherer entscheiden konnten, ob der gezeigte Fisch mit der Originalanimation identisch war, wenn der Fisch in einer veränderten Umgebung erschien. Die japanischen Versuchspersonen hingegen erzielten deutlich bessere Ergebnisse, wenn sowohl Fisch als auch Hintergrund dem Original entsprachen.

Ähnliche Untersuchungen - allerdings mit einfachem, quasi sinnfreiem Bildmaterial - von Shinobu Katayama, die auch mit deutschen und japanischen Versuchspersonen wiederholt wurden, zeigen vergleichbare Unterschiede zwischen östlichen und westlichen Versuchspersonen.

Die bislang vorliegenden Forschungsergebnisse lassen den Schluss zu, dass japanische (östliche) Testpersonen bei der Betrachtung der gezeigten Bilder bzw. Animationen alle Bestandteile in ihrer Beziehung zueinander verarbeiten, wohingegen es den amerikanischen und insgesamt westlichen Probanden leichter fällt, den Kontext zu ignorieren.1

Ulrich Kühnen von der International University Bremen führte ähnliche Experimente mit japanischen und deutschen Probanden durch und fand auch hier die gleichen, von Nisbett et al. entdeckten West-Ost-Unterschiede. Zudem zeigte sich, dass sich Nordamerikaner und Westeuropäer - kognitionspsychologisch betrachtet - kaum unterscheiden, so wie sich auch die Resultate von Testpersonen aus unterschiedlichen asiatischen Nationen wie China, Japan, Korea und Malaysia weitgehend decken.

Genetische Unterschiede als Ursachen für diese Ergebnisse werden von Nisbett und anderen Forschern ausgeschlossen. So fanden Forscher der University of British Columbia in Vancouver, dass die Testergebnisse von in Kanada lebenden Asiaten denjenigen von Westlern immer ähnlicher werden, je länger sie im Land sind. Das spricht deutlich für erlernte kulturspezifische Wahrnehmungs- und Denkmuster.

Asiatische und westliche Kulturangehörige scheinen sich systematisch darin zu unterscheiden, worauf sie ihre Aufmerksamkeit richten, wenn sie Bilder betrachten. Die (mutmaßlichen) Ursachen dafür begründen Forscher mit den unterschiedlichen, jahrtausendealten philosophischen Traditionen in Ost und West: der reduktionistischen Denkweise des antiken Griechenlands, der Idee der individuellen Freiheit, der Tradition der öffentlichen Debatte und des naturwissenschaftlichen Denkens einerseits und der ganzheitlichen, holistischen Tradition des Ostens andererseits, die den Menschen in erster Linie als Teil sozialer Netze sieht, eingebunden in Familie, Dorfgemeinschaft und Staat. Die dingliche Welt kann der antiken chinesischen Vorstellung zufolge nicht durch konstante Merkmale und Eigenschaften beschrieben werden, vielmehr befindet sich alles in Fluß und das einzig Konstante ist die Veränderung. Die Welt besteht darum aus Widersprüchen und nur, wenn diese akzeptiert werden, kann Erkenntnis erzielt werden.2

Richard Nisbett (University of Michigan) und Kaiping Peng (University of California in Berkeley) beschreiben die sich unterscheidenden Kriterien westlicher und östlicher Dialektik mit folgenden Prinzipien (Gehirn & Geist Nr. 3/2003):

Westliche Logik:

Gesetz der Identität:A ist gleich A. Jedes Ding ist identisch mit sich selbst.
Gesetz der Widerspruchsfreiheit:A ist ungleich Nicht-A. Keine Aussage kann zugleich wahr und falsch sein.
Tertium non datur ("Es gibt kein Drittes"):Jede Aussage ist entweder wahr oder falsch.

Östliche Dialektik:      

Prinzip der Veränderung:Die Realität ist ein sich stets wandelnder Prozess.
Prinzip des Widerspruchs:Weil einzig die Veränderung konstant ist, ist auch der Widerspruch konstant.
Prinzip des Holismus:Weil alles sich stetig ändert und sich im Widerspruch befindet, ist nichts im menschlichen Leben oder in der Natur unabhängig voneinander zu verstehen. Alles hängt miteinander zusammen.

Peng und Nisbett gehen nun davon aus, dass sich aus den Gesetzen der westlichen („aristotelischen“, „naturwissenschaftlichen“) Logik eine Art Intoleranz gegen Paradoxien entwickelt hat. Das führt dazu, dass sich westliche Menschen – anders als Asiaten – unwohl fühlen, wenn sie mit Widersprüchen konfrontiert werden, und danach trachten, diese aufzulösen. Obgleich wohl sehr wahrscheinlich westliche und östliche Kulturangehörige analytisch als auch holistisch denken können, tun sie es spontan doch mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit. Was einem westlichen Menschen spontan zugänglich oder einleuchtend ist, muss nicht auch für einen östlichen Menschen gelten – und umgekehrt.

Die wesentlichsten Unterschiede, in denen sich Menschen aus dem Westen und dem Osten in ihrer Wahrnehmung und in ihrem Denken unterscheiden, sind:

  • Westliche Kulturangehörige verwenden in ihrer Selbstdefinition vor allem allein auf ihre Person ausgerichtete, autonome und vom Zusammenhang unabhängige Konzepte, wohingegen Mitglieder östlicher Kulturen bereits in ihrer Selbstdefinition häufiger den Bezug zu anderen Personen herstellen (und damit zu dem sozialen Kontakt, in dem diese anderen Personen angetroffen werden).
  • Die Aufmerksamkeit westlicher Kulturangehöriger ist stärker auf Objekte unabhängig von ihrem Kontext gerichtet, während Menschen mit östlichem Kulturhintergrund Objekte in ihrem Kontext wahrnehmen und ihre Aufmerksamkeit auf die Beziehung zwischen Objekten und deren umgebendes Feld richten.
  • Weil sich die Aufmerksamkeit von ganzheitlich wahrnehmenden Personen nicht allein auf die Objekte, sondern auch auf deren Umgebung richtet, können sie beiläufig wahrgenommene kontextuelle Informationen besser erinnern als analytisch wahrnehmende Personen.
  • Westliche Kulturangehörige suchen die Ursache einer beobachteten Handlung einer anderen Person zuerst in deren stabilen und vom Kontext unabhängigen Merkmalen (in ihren Persönlichkeitseigenschaften) - selbst dann, wenn die Handlung ganz offensichtlich durch Situationsfaktoren hervorgerufen worden ist. Die holistische (ganzheitliche) Denkweise asiatischer Kulturangehöriger führt dazu, dass Situationsfaktoren bei der Erklärung von beobachteten Handlungen wahrscheinlicher berücksichtigt werden.
  • Bei Konfrontation mit scheinbaren Widersprüchen zwischen zwei Postionen führt die Präferenz westlicher Kulturangehöriger für logische Argumentationen dazu, dass sie sich gewissermaßen für eine der beiden Positionen entscheiden, während die dialektisch orientierten Mitglieder asiatischer Kulturen wahrscheinlicher nach einer Vereinbarkeit der beiden Positionen im Sinne eines "dritten Weges" suchen.

Wer Interesse an fremden Philosophien und Behandlungsmethoden hat, tut deshalb gut daran, sich mit den kulturellen Prägungen des Herkunftslandes auseinander zu setzen. Falls man nicht mit der zu Grunde liegenden Kultur und Denkweise vertraut ist, lassen sich wegen – der vielfältigen Unterschiede – aus gleichen Informationen nicht die gleichen Schlüsse ziehen, ja vieles kann ohne entsprechendes Hintergrundwissen überhaupt nicht verstanden werden. Es empfiehlt sich deshalb – wie es im Kontext des Shiatsu auch vielfach geraten wird – in die fernöstliche Philosophie, Lebens- und Denkweise einzutauchen, um das Wesen von Shiatsu in seinen Wurzeln erfassen zu können.

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[1]Eine ähnliche Erfahrung machen auch westliche Geschäftsleute, die in ostasiatischen Ländern Geschäfte machen. Ein Beispiel dazu zitiert Die Zeit (30. September 2004): Ein deutsches Maschinenbauunternehmen mit einer Filiale in Shanghai hat mit einem regionalen Zulieferer einen Vertrag über die zu liefernde Stückzahl und den Preis abgeschlossen. Dann stieg der Stahlpreis, und der chinesische Partner weigerte sich plötzlich, zum vereinbarten Tarif zu liefern, denn - wie die chinesischen Manager erläuterten - "die Rahmenbedingungen haben sich geändert".
[2] Die Dialektik des (scheinbaren) Widerspruchs gilt dem Daoismus als grundlegende Form der Erkenntnis. Streit und Debatten hingegen, die eine hervorragende Stellung in der griechischen Tradition haben, werden in der chinesischen Tradition als Bedrohung der Gruppenharmie vermieden und missachtet.
Quellen: Masuda, T. & Nisbett, R.E.: Attending Holistically Versus Analytically. In: Journal of Personality and Social Psychol. 81, 2001, S. 922.
Nisbett, R.E.: The Geography of Thought. Nicholas Brealy Pbul. Ltd. London, 2003.
Nisbett, R.E., Peng. K, Choi, I. & Norenzayan A.: Culture and Systems of Thought. In: Psychological Review 108, 2001, S. 291.
Kühnen, U.: Denken auf asiatisch. In: Gehirn und Geist 3, 2003, S. 10.