Um die Existenz der Meridiane objektiv nachzuweisen und "sichtbar" zu machen, benutzten französische Forscher1 radioaktive Substanzen (Tracer2), die an verschiedenen Hautstellen injiziert wurden. Dabei wählten die Forscher zum einen "gewöhnliche" Stellen ("Placebo-Punkte") aus und zum anderen Akupunkturpunkte, wie z.B. Ni 7 oder Ma 43.

Wie erwartet zeigte sich - reproduzierbar auch an verschiedenen (sowohl gesunden wie auch kranken) Versuchspersonen - bei den "gewöhnlichen" Stellen eine diffusive, halbkugelförmige Ausbreitung in alle Richtungen, bei der Injektion in Akupunkturpunkte erfolgte diese Ausbreitung der Tracer-Substanz zum einen rascher und zum anderen zusätzlich entlang des entsprechenden (klassischen) Meridians3.

Zudem zeigten die Experimente, dass sich der Tracer mit einer Geschwindigkeit von einigen Zentimetern pro Minute die Meridiane entlang ausbreitet - aber nur in der von der Traditionellen Chinesischen Medizin angegebenen Fließrichtung. Als mittlerer Wert der Ausbreitungsgeschwindigkeit wurden 5,5 bis 6,5 Zentimeter pro Minute gemessen. Auch konnte nachgewiesen werden, dass Stimulation (sowohl mit Hilfe von Nadel- als auch Laserakupunktur) des "ausgewählten" Meridians (in den die Tracer-Substanz injiziert wurde) als auch die Stimulation des kontralateralen Meridians (der gleiche Meridian auf der anderen Körperseite) die isotopische Migration (die Ausbreitung der Tracer-Substanz) beeinflusst. Dabei zeigt sich zudem, dass die Auswirkung nicht nur von der Art der Stimulation abhängt, sondern auch von der Auswahl des stimulierten Akupunkturpunktes.

Erkrankungen - leider ist in der Studie nirgends deutlich festgehalten, um welche spezifischen Erkrankungen es sich handelt - führen zu Veränderungen in der Ausbreitung des Tracers. Als ein Beispiel dafür führen die Autoren eine Versuchsperson mit einem (nicht näher definierten) Nierenleiden an, wobei die Erkrankung die linke Niere betrifft, die rechte Niere hingegen nicht beeinträchtigt ist. Als die Tracer-Substanz in den Punkt Ni 7 beider Beine injiziert wurde, zeigte sich eine - im Vergleich zur rechten Seite - schnellere und (innerhalb des beobachteten Zeitraums von 4 Minuten) weitere Ausbreitung der radioaktiven Substanz entlang des Meridians am linken Bein.

Wenngleich diese Ergebnisse nahe legen, dass die Meridiane wohl nicht nur ein Gedankenkonstrukt darstellen, so lassen sie sich - bislang zumindest - doch nicht anatomisch erfassen4, da sich die Tracer-Substanz sich nicht entlang von Blutgefäßen oder Lymphbahnen ausbreitet.

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[1] P. de Vernejoul, P. Albarède & J.C. Darras: Etude des méridiens d`acupuncture par les traceurs radioactifs. In: Bull. Acad. Natl. Med. 169, 1985, S. 1071 - 1075. J.C. Darras, P. de Vernejoul & P. Albarède: Visualisation isotopique des méridiens d`acupuncture. In: Cahiers des Biothérapie 95, 1987, S. 12 - 22. Die Ergebnisse der vorliegenden Studien wurden, so berichten die Autoren, auch von anderen wissenschaftlichen Teams bestätigt.
[2] Verwendet als radioaktive Tracer-Substanzen wurden etwa Technetium, Thallium und sogar Xenon (ein unbewegliches Gas). Die Ausbreitung des Tracers wurde mit einer "Gamma-Camera" beobachtet (mit einer Aufnahmefrequenz von 2 bis 4 Sekunden), wobei die besten Bildqualitäten mit Technetium erzielt wurden.
[3] Während bei "Placebo-Punkten" sich innerhalb von etwa fünf Minuten keine Migration des Tracers zeigte, begann die Ausbreitung der Tracer-Substanz im Falle von Akupunktur-Punkten schon nach 2 bis 2 1/2 Minuten - und konnte über eine Strecke von etwa 30 Zentimetern (von der Einstichstelle aus gemessen) nachgewiesen werden. Auch, so zeigten die Versuche, unterscheiden sich die Meridian-Verläufe, die durch die Tracer-Substanz aufgezeichnet werden konnten, von den Verläufen, die sich durch Injektionen in ein Blut- oder Lymphgefäß ergaben.
[4] Es gibt, wenngleich auch nicht einheitliche, Hinweise darauf, dass sich Akupunkturpunkte durch morphologische Gegebenheiten auszeichnen.