Von September 2001 bis Dezember 2002 wurde von der Health Care Practice R&D Unit, University of Salford im Auftrag der European Shiatsu Federation (ESF) die erste Phase eines europaweiten Forschungsprojektes zu Shiatsu durchgeführt. Das Projekt wurde geleitet von Hannah Mackay und Prof. Andrew Long. Die inhaltlichen Schwerpunkte der Studie waren:

  • Wie wird Shiatsu praktiziert?
  • Welche Erfahrungen und Effekte von Shiatsu nehmen KlientInnen und PraktikerInnen wahr?

Die Durchführung der Studie

Die Daten für die erste Stufe des Projektes wurden als Pilotstudie für eine europaweite Studie (Phase 2) in zwei europäischen Ländern, in Großbritannien und Deutschland, erhoben. Teilgenommen haben an den explorativen Interviews neun Shiatsu-PraktikerInnen aus Großbritannien und fünf aus Deutschland (6 Männer und 8 Frauen) sowie 15 KlientInnen, 10 in Großbritannien und 5 in Deutschland.

Die Inhalte der Interviews mit den KlientInnen waren fokussiert auf ihre Erfahrungen mit Shiatsu sowie ihre Wahrnehmungen von den (positiven und negativen) Auswirkungen der erhaltenen Shiatsu-Behandlungen. In den Interviews mit den PraktikerInnen standen deren Wahrnehmungen der Effekte der Behandlungen im Zentrum sowie Faktoren, die eine erfolgreiche Behandlung fördern oder behindern, und die Wahrnehmungen von negativen Auswirkungen.

Um die Aussagekraft der erhobenen Daten zu bestätigen und zu stärken, fand in beiden Forschungsländern ein Workshop mit einer weiteren Gruppe von PraktikerInnen (insgesamt neun) statt und der Entwurf des Abschlussberichtes wurde an alle beteiligten KlientInnen und PraktikerInnen mit der Bitte um Kommentare geschickt.

Die TeilnehmerInnen

Sieben der teilnehmenden KlientInnen waren Männer und acht Frauen. Ihr Alter lag zwischen 28 und 67 Jahren. Ihre Erfahrungen mit Shiatsu variierten von fünf Sitzungen im Zeitraum von drei Monaten bis hin zu über 12 Jahren Shiatsu-Erfahrung.

Die Shiatsu-PraktikerInnen (5 Männer und 9 Frauen) hatten zwischen vier (3 PraktikerInnen) und 15 Jahren (4 PraktikerInnen) Berufserfahrung, mit einem Mittelwert von 11 Jahren. Fünf der PraktikerInnen haben durchschnittlich 4 bis 7 Sitzungen pro Woche, weitere fünf PraktikerInnen durchschnittlich 15 bis 20. Neun der PraktikerInnen waren Shiatsu-LehrerInnen und vier davon auch SchulleiterInnen.

Die Hauptergebnisse

1) Der Umgang mit konventionellen und anderen komplementären Behandlungsmethoden:

13 der 15 KlientInnen haben vor Shiatsu eine große Anzahl von alternativen und komplementären Behandlungsmethoden angewendet (z.B. Homöopathie, Akupunktur, Massage u.ä.m.), wobei einige der KlientInnen diese auch weiterhin - neben den Shiatsu-Behandlungen - fortsetzten.

Einige KlientInnen sind in (konventioneller) medizinischer Behandlung, einige hingegen lehnen jegliche Medikamente ab und sind so zu Shiatsu gekommen.

2) Der Zugang zu Shiatsu:

Für einige KlientInnen waren bestehende Probleme und Symptome ausschlaggebend für den Entschluss mit Shiatsu-Behandlungen zu beginnen. Angegeben wurden hier beispielsweise muskuläre Probleme, Gelenks- und Rückenschmerzen, Energielosigkeit, Müdigkeit, Stress und Anspannung. Andere hingegen kamen zu Shiatsu aus Interesse und Neugierde - oder auch, "um etwas für sich selbst zu tun".

3) Erfahrungen während der Shiatsu-Sitzungen:

Die häufigsten Erfahrungen waren Entspannung, die Wahrnehmung von Energie und Loslassen. Für manche KlientInnen waren emotionale Aspekte bedeutsam, für andere wiederum stand der physische Kontakt mit der PraktikerIn im Vordergrund, wie z.B. gedehnt und bewegt zu werden.

Während manche KlientInnen Shiatsu als nicht schmerzhaft beschrieben, erlebten andere KlientInnen die Sitzungen als unangenehm und durchaus auch schmerzvoll, aber beispielsweise als "guter Schmerz".

Ein weiterer wichtiger Aspekt waren die Gespräche mit den PraktikerInnen, die Erklärungen zu Shiatsu, zur Behandlung u.ä.m. beinhalteten, aber auch Feedback und Unterweisungen (z.B. Techniken zum Stressmanagement oder Atemübungen).

4) Unmittelbare Auswirkungen:

Die befragten KlientInnen beschrieben unmittelbare Auswirkungen auf ihre Symptome, den Schlaf und ihre Gefühle. PraktikerInnen beobachteten vor allem Loslassen und Entspannung unmittelbar nach den Sitzungen.

5) Vorübergehende Auswirkungen:

Als vorübergehende Auswirkungen, die nur kurze Zeit andauern, wurden von den KlientInnen Gefühle von Benommenheit, körperliche und emotionale Veränderungen angeführt. PraktikerInnen beschreiben vorübergehende Auswirkungen wie "nicht so wohl fühlen nach der Sitzung" oder Müdigkeit.

Niemand von den KlientInnen fand die vorübergehenden Effekte als so problematisch, dass sie deshalb die Behandlungen abbrachen. Vielmehr suchten sie Lösungen dafür z.B. dadurch, dass sie nicht direkt im Anschluss an die Sitzung zur Arbeit gehen müssen u.ä.m.

6) Länger andauernde Wirkungen:

Länger andauernde Wirkungen wurden von den KlientInnen vor allem in Bezug auf ihre Symptome beobachtet. Angegeben wurden auch eine bessere emotionale Balance, die Erfahrung des eigenen Körpers auf eine neue Art und Weise, eine größere Sensibilität für den eigenen Körper und seine Prozesse, Verbesserungen der Haltung, persönliche Entwicklung u.ä.m.

Erwähnt wurde auch die Bedeutung des Vertrauens zur PraktikerIn für die positiven Wirkungen. Auch wurde eine zunehmende Stabilität der Wirkungen mit der Dauer der Behandlung wahrgenommen.

Die PraktikerInnen beobachteten eine größere Stabilität der Besserung, wenn die Behandlungen mit Empfehlungen verbunden sind und wenn die Klienten offen sind und geistig beweglich.

7) Negative Auswirkungen:

Nur einer der Klienten hatte eine klare negative Reaktion auf eine Behandlung: Er konnte drei Tage lang nicht gehen und fühlte sich krank.

Viele KlientInnen geben, auf negative Auswirkungen angesprochen, an, dass Shiatsu in gewissen Bereichen nicht geholfen hat bzw. nicht so gut geholfen hat wie erwartet. Zwei KlientInnen beschrieben emotionale Veränderungen, die sich negativ auf die anderen Familienmitglieder ausgewirkt haben.

Die Hälfte der PraktikerInnen sehen keine negativen Auswirkungen von Shiatsu bzw. sehen die Auswirkungen nicht als negativ oder lediglich als - kurzfristige - negative Reaktionen. Ansonsten wurden Kopfschmerz, Muskelschmerz, Müdigkeit nach der Sitzung, mehr Bewusstsein der eigenen Gefühle und generell eine gewisse Irritation als negative Reaktionen wahrgenommen.

Die PraktikerInnen kommentierten die negativen Auswirkungen als Folge einer Unfähigkeit aus dem Hara zu arbeiten bzw. mit der Person in Kontakt zu stehen. Weitere Ursachen für negative Auswirkungen werden darin gesehen, dass die PraktikerIn ihren eigenen Vorstellungen folgt, wie die KlientIn zu sein hat, oder einfach Fehler in der Behandlung, Müdigkeit der BehandlerIn u.ä.m.

8) Die Beziehung zwischen KlientIn und PraktikerIn in der Behandlung:

Sowohl KlientInnen als auch PraktikerInnen betonen die Wichtigkeit der Beziehung und dass KlientInnen aktive Teilnehmer der Sitzungen sind. Einige KlientInnen erwähnen auch die Bedeutung von Faktoren wie sich wichtig fühlen und jemanden zu haben, der etwas für dich tut.

Aus der Sicht der PraktikerInnen umfasst insbesondere die energetische Beziehung den körperlichen Kontakt und die Bewegung der Energie, die konventionelle Beziehung den klaren Kontrakt zwischen KlientIn und PraktikerIn (z.B. Ziele, Erwartungen etc.). PraktikerInnen betonen die grundsätzliche Bedeutung einer qualitativen Beziehung mit den KlientInnen und ihre Einbeziehung in den Prozess des Shiatsu, damit Veränderungen möglich werden.

9) Erfolg aus der Sicht der PraktikerInnen:

Manche PraktikerInnen haben ein klares Arbeitskonzept, andere arbeiten "mit dem, was da ist". Und während manche PraktikerInnen den Fokus auf die Behandlung der Probleme der KlientIn legen, sehen andere einen "Langzeitfaktor" oder beziehen sich vor allem auf die momentane Sitzung.

Als wichtige Faktoren dafür, ob Shiatsu-Sitzungen erfolgreich sind, sehen PraktikerInnen auf Seiten der KlientInnen deren Haltung (etwa Bereitschaft zur Veränderung), körperliche Bereitschaft (wenn beispielsweise Berührung gut angenommen werden kann, erwünscht ist), offene und realistische Erwartungen, Beteiligung (wie Übernahme von Mitverantwortung) und Kontinuität in der Behandlung.

Erschwerende Faktoren hingegen sind Haltungen der KlientIn wie "Mach mich gesund", ein fehlendes Körperbewusstsein, eine mangelnde Bereitschaft Empfehlungen anzunehmen und ein problematischer Zugang zu Shiatsu (damit eine negative Einstellung zu den Behandlungen).

10) Shiatsu aus der Sicht der KlientInnen:

Gründe, Shiatsu (auch weiterhin) zu konsumieren, sind für die befragten KlientInnen unter anderem auch, dass Shiatsu einen "Raum" bietet, Probleme anzugehen, einen Raum für sich selbst innerhalb ihres eigenen Lebens und für eine Verbindung der Erfahrungen im Shiatsu und der eigenen "rationalen Welt".

Aus der Sicht der PraktikerInnen ermöglicht Shiatsu einen alternativen Blick auf das eigene Leben, seine Muster und Möglichkeiten, die Wiederentdeckung und Verbindung mit dem Körper und die Unterstützung der Selbstheilungs- und Selbstregulationskräfte des Organismus.

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Die englische Zusammenfassung („The experience and effects of shiatsu: a cross European study“) kann kostenlos (im pdf-Format) unter http://www.fhsc.salford.ac.uk/hcprdu/projects/shiatsu.htm heruntergeladen werden.
Die deutsche Übersetzung der Zusammenfassung kann unter http://www.shiatsu-austria.at/forschung_8.htm nachgelesen werden. Für den ausführlichen, etwa 130 Seiten umfassenden Abschluss-Report ("The Experience and Effects of Shiatsu: Findings from a Two Country Exploratory Study") jedoch werden von der Salford University 6 Pfund berechnet.
Veröffentlicht wurden die Studienergebnisse auch im Journal of Alternative and Complementary Medicine, Volume 9, Number 4, 2003,pp. 539-547 (Long, Andrew F. & Mackay, Hannah C. - "The Effects of Shiatsu: Findings from a Two-Country Exploratory Study")