Ausgangspunkt des Berichts von Koji Tsuboi und Kazuho Tsuboi1 sind Artikel von E. Ernst über lebensgefährliche Komplikationen bei Wirbelsäulen-Manipulationen2 und D.M. Rothwell et al. über chiropraktische Manipulationen und Hirnschlag3, die aufzeigen, dass Behandlungen (Manipulationen) an der Wirbelsäule – und hier insbesondere im Hals- und Nackenbereich – zu ernsthaften Komplikationen führen können. Ernst merkt dazu an, dass das Risiko für den einzelnen Patienten zwar gering sein mag, dass man diese Frage aber zur Sicherheit der Patienten abklären sollte.

Shiatsu, wie Koji Tsuboi und Kazuho Tsuboi ausführen, hat sich im Kontext von komplementärer und alternativer Medizin im Westen zunehmend verbreitet, um Gesundheit und Wohlbefinden zu fördern. Die Tsubos, die im Kontext von Shiatsu gedrückt werden, so die Autoren weiter, haben durchaus physische Heil- und kaum gefährliche Nebenwirkungen. Bestimmte Punkte im Bereich des Nackens, wie etwa Gb 20, haben eine starke Wirkung auf Spannungskopfschmerz – und führen unter bestimmten Bedingungen sehr wahrscheinlich zu schwerwiegenden Komplikationen.

Die Autoren beschreiben den Fall eines 80jährigen Mannes mit einer transitorischen ischämischen Attacke (vorübergehende Unterbrechung der Durchblutung eines Organs, Organteils oder Gewebes infolge mangelnder Blutzufuhr; siehe auch Fußnote 8, der im Krankenhaus erfolgreich behandelt wurde. Nach sieben Tagen wurde er ohne weitere neurologischen Symptome (und einer Verschreibung von ticlopidinem Hydrochlorid) entlassen. Am Tag nach seiner Entlassung erhielt er, wegen leichten Kopfschmerzes verbunden mit Schulter- und Nackensteifigkeit, eine Shiatsu-Behandlung. Diese Behandlung erfolgte in der Bauchlage und dauerte etwa zehn Minuten. Unmittelbar nach dem Aufstehen bemerkte er Einschränkungen im rechten Gesichtsfeld. Nachdem dieses Symptom nicht wieder vorüberging, ging er am nächsten Morgen wieder ins Krankenhaus. Die Untersuchungen zeigten nun eine linksseitige Hemiparese (Halbseitenlähmung) der oberen Extremität und zahlreiche Verschlüsse (Embolien4) in mehreren Ästen der versorgenden Arterien. Der Patient musste stationär aufgenommen werden und wurde für sieben Tage mit intravenösen Infusionen5 behandelt, die zu einer nahezu vollständigen Aufhebung der linksseitigen Hemiparese und geringfügigen Verbesserungen in der Sichtigkeit führten.

Die dargestellte Erfahrung veranlasste die Autoren Koji Tsuboi und Kazuho Tsuboi sich der Ansicht von Ernst anzuschließen, dass es notwendig ist, Risikokonstellationen bei Wirbelsäulenbehandlungen herauszuarbeiten – und diese auch auf Shiatsu auszuweiten (selbst wenn nur sehr wenige ernsthafte Komplikationen mit Shiatsu in der Literatur zu finden sind). Dabei betonen die Autoren, dass sie nicht die Heilwirkung von Shiatsu in Frage stellen wollen, vielmehr die Aufmerksamkeit auf die Tatsache lenken, dass Shiatsu-Behandlungen (im Bereich des Nackens) zu ernsthaften neurologischen Problemen bei Patienten mit Durchblutungsproblemen (Arteriosklerose6) im Bereich der Arteria carotis (Hals- oder Kopfschlagader7) führen können. Die Gefahr von Embolien (Verstopfungen von Blutgefäßen), die durch Shiatsu ausgelöst werden können, ist zwar gering, könnte aber größer sein, als bislang angenommen wird. Auf alle Fälle sollte man sich der Gefahr bewusst sein, die – bei Risikopatienten – zwischen einem Hirnschlag8 und einer Nackenbehandlung besteht.

____________________________________

[1] Veröffentlichung von Koji Tsuboi & Kazuho Tsuboi in Stroke 32, 2001, S. 2441
[2] Ernst, E.: “Life-Threatening Complications of Spinal Manipulation”. In: Stroke 32, 2001, S. 809-810
[3] Rothwell, D.M., Bondy, S.J. & Williams, J.I.: “Chiropractic Manipulation and Stroke: A Population-based Case-control Study. In: Stroke 31, 2001, S. 1054-1060
[4] Als Embolien bezeichnet man Ereignisse, bei denen Gefäße (meist Arterien) durch Zellansammlungen verschlossen werden. Ein so genannter Embolus (Gefäßpfropf) wird durch den Blutstrom in ein enges Blutgefäß gespült und verschließt es. Die Zellansammlungen bestehen aus alten Zellen, Blutplättchen, Gefäßkleber (Fibrin) und Cholesterinplaques. Sie können sich an den Gefäßwänden, oder auch im Inneren des Herzens bilden. Dies geschieht bevorzugt an Stellen, an denen der Blutfluss gering ist, zum Beispiel in ausgeweiteten Beinvenen, Aneurysmen (Gefäßaussackungen) oder in Bereichen des Herzens, in denen der Herzmuskel aufgrund eines Infarktes nicht mehr arbeitet und das Blut sehr langsam fließt.
[5] Die Infusionen erfolgten mit Urokinase.
[6] Die umgangssprachlich auch als Arterienverkalkung bezeichnete Arteriosklerose ist die häufigste krankhafte Gefäßveränderung. Im englischsprachigen Raum und im wissenschaftlichen Bereich wird auch der Begriff Atherosklerose verwendet. Beim Krankheitsbild der Arteriosklerose sammeln sich Fett und andere Substanzen in der Innenschicht der Arterien (versorgenden Blutgefäße) zu plattenförmigen Gebilden, die die Strombahn zusammen mit Auflagerungen von Blutgerinnseln einengen oder verschließen können. Arteriosklerose ist eine wichtige Krankheitsursache und ist besonders bedrohlich an Herz- und Hirngefäßen. Besonders gefährdet, solche die Gefäße verengenden Plaques zu bilden, sind Personen mit Diabetes mellitus und/oder hohen Cholesterinwerten (> 300 mg/l). Besonders nachts, wenn der Blutdruck abfällt, reichen schon kleinere Einengungen der Gefäße aus, um eine Unterversorgung mit Sauerstoff zu bewirken (Ischämie). Das Risikofaktorenkonzept zur Arteriosklerose basiert auf zahlreichen epidemiologischen Studien. Derzeit sind Hypercholesterinämie (erhöhter Cholesterinspiegel), Bluthochdruck, Zigaretten rauchen, Diabetes mellitus, Fettsucht, körperliche Inaktivität und ein niedriger sozialer Status, der jedoch eng mit den anderen Faktoren verknüpft ist, als Risikofaktoren gesichert. (Quelle: Medicine Worldwide; http://www.m-ww.de)
[7] Die Kopf- oder Halsschlagader (Arteria carotis) geht aus der Hauptschlagader hervor und teilt sich in Höhe des Schildknorpeloberrandes an der so genannten Carotisgabel.
[8] Der Schlaganfall (Apoplex) ist eine häufige Todesursache, in Deutschland die dritthäufigste. Ein Fünftel der über 65-Jährigen ist davon betroffen, und etwa 5 Prozent aller Schlaganfall-Patienten sind weniger als 40 Jahre alt. Auslösend ist ein plötzlicher Gefäßverschluss oder eine Blutung im Bereich des Gehirns. Zu den Risikofaktoren gehören Bluthochdruck, Diabetes mellitus, "die Pille", Rauchen, erhöhte Blutfettwerte und Arteriosklerose. Vorstufen und damit ernst zu nehmende Warnzeichen sind vorübergehende neurologische Ausfälle, auch TIA (transitorisch-ischämische Attacke) und PRIND (prolongiertes ischämisch-neurologisches Defizit) genannt, die in etwa 40 Prozent der Fälle dem eigentlichen Schlaganfall vorausgehen. Ein Schlaganfall ist eine plötzliche Unterbrechung der Gehirndurchblutung (Ischämie) oder eine Blutung im Gehirn, wobei eine umschriebene Stelle betroffen ist. In Folge des Schlaganfalls treten neurologische Ausfälle auf, z.B. Bewusstlosigkeit, Hemiplegie (halbseitige Lähmungen), Sprach- und/oder Schluckstörungen, je nach Lokalisation des zerebralen Prozesses. Die Nervenzellen in den entsprechenden Gebieten werden durch die Unterversorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen beschädigt oder gehen sogar zugrunde. Leicht beschädigte Zellen können sich teilweise wieder regenerieren, abgestorbene können nicht wieder ersetzt werden. Wichtig ist es, in der Frühphase Folgeschäden des Sauerstoffmangels zu vermeiden und dadurch den Gewebeschaden zu minimieren. Durch eine konsequent durchgeführte Rehabilitation kann es zur Besserung oder gar Rückbildung der neurologischen Ausfälle kommen. Ein ischämischer (wörtlich: durch Blutleere bedingter) Hirninfarkt – etwa 80 Prozent aller Schlaganfälle sind ischämische Schlaganfälle – ist eine plötzlich auftretende Durchblutungsstörung des Gehirns. Dabei wird das Gehirngewebe nicht ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt, was zunächst Störungen der Gehirnfunktion in dem betroffenen Gebiet hervorruft. Dauert der Sauerstoff- und Nährstoffmangel längere Zeit an, beginnt das Hirngewebe abzusterben.