Die Studie „Treatment of low back pain by acupressure and physical therapy: randomised controlled trial“ von Lisa Li-Chen Hsieh, Chung-Hung Kuo, Liang Huei Lee, Amy Ming-Fang Yen, Kuo-Liong Chien und Tony Hsiu-Hsi Chen, die am 17. Februar 2006 im British Medical Journal (BMJ)1 veröffentlicht wurde, vergleicht 129 Patienten mit Schmerzen im unteren Rücken, die entweder (klassisch westlich.medizinische) physikalische Therapie erhalten haben oder Akupressur.

Ursprünglich waren 188 Teilnehmer in einer orthopädischen Klinik in Kao Shiung (Taiwan), die eine standardisierte physikalische Therapie anbietet, für die Studie ausgewählt. Alle TeilnehmerInnen hatten seit mehr als vier Monate chronische Rückenschmerzen, die nicht von systemischen oder organischen Erkrankungen verursacht waren, von Krebs oder psychiatrischen Erkrankungen. Sie wurden, um dies abzuklären, von einem erfahrenen Orthopäden diagnostiziert. Sie waren weder schwanger noch hatten sie eine akute Erkrankung, die eine sofortige Behandlung oder einen chirurgischen Eingriff erforderlich gemacht hätte. Und keine der TeilnehmerInnen hatte eine Kontraindikation für eine Akupressur-Behandlung, wie z.B. eine offene Wunde.

Nach dem Ausschluss von PatientInnen, die für das Studiendesign nicht in Frage kamen, verblieben 129 Versuchspersonen (69 Prozent der ursprünglich Zugewiesenen)in der Untersuchung, die zwischen Jänner und Mai 2004 durchgeführt wurde3,: 64 in der Akupressur-Gruppe und 65 in der physikalische Therapie-Gruppe. Das Durchschnittsalter der TeilnehmerInnen war 50,2 Jahre in der Akupressur-Gruppe und 52,6 Jahre in der physikalische Therapie-Gruppe. 21 TeilnehmerInnen (33 Prozent) der Akupressur-Gruppe waren männlich, 17 (26 Prozent) in der physikalische Therapie-Gruppe. Durchschnittlich hatten die PatientInnen der Akupressur-Gruppe ihre Beschwerden seit 3,3 Jahren, die der physikalische Therapie-Gruppe seit 1,6 Jahren. Die letzte Schmerzphase in der Akupressur-Gruppe dauerte durchschnittlich 14,5 Monate, in der physikalische Therapie-Gruppe 12 Monate.

Jede StudienteilnehmerIn erhielt sechs Behandlungen innerhalb eines Monats. In der Akupressur-Gruppe erhielten die PatientInnen ihre Sitzungen von einem einzigen Akupressur-Therapeuten4, die PatientInnen der physikalische Therapie-Gruppe erhielten die Standardbehandlung, die vom orthopädischen Spital, in dem die Untersuchung stattfand, angeboten wird. Sowohl der Akupressur-Therapeut als auch die physikalischen TherapeutInnen waren über die Vorgeschichte ihrer PatientInnen nicht informiert. Sechs Monate nach den Behandlungen wurde eine Nachuntersuchung durchgeführt, wobei auch hier die BefragerInnen keine Informationen über die Vorgeschichte der Befragten erhalten haben. Gemessen wurden die Ergebnisse der Behandlungen mit den „Core outcome measures“, dem „Roland and Morris disability questionnaire“, dem modifizierten „Oswestry disability questionnaire“ und dem „Visual analogue scale for recording pain scores“.

Ergebnisse

Die beiden Versuchsgruppen unterscheiden sich weder in demographischen, bildungsmäßigen noch sonstigen Aspekten voneinander. Im Roland and Morris disability questionnaire zeigte sich bei der Akupressur-Gruppe sowohl nach den Behandlungen wie auch sechs Monate danach eine signifikante Verbesserung (89 Prozent) der Einschätzungen im Vergleich zur physikalischen Therapie. Ähnlich signifikante Ergebnisse fanden sich auch in den anderen Untersuchungsmethoden sowohl nach der Behandlungsserie als in der Follow-up-Untersuchung.5

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[1] BMJ, doi:10.1136/bmj.38744.672616.
[2] Zwei TeilnehmerInnen der Akupressur-Gruppe und fünf der physikalischen Therapie-Gruppe haben die verordneten Behandlungen verweigert, und zwei TeilnehmerInnen jeder Gruppe haben die Behandlung gewechselt.
[3] Die Nachuntersuchung (follow-up) erstreckte sich bis zum 12. November 2004.
[4] Um Unterschiede in der Akupressur-Behandlung möglichst gering zu halten, wurden alle Behandlungen von einem einzigen, erfahrenen Akupressur-Therapeuten durchgeführt.
[5] In der Studie werden drei Bedenken gegen die Ergebnisse angeführt: 1. Die Wirkung der Akupressur könnten auf einen psychologischen Effekt zurückzuführen sein: Dieser Wirkfaktor beeinflusst üblicherweise alle Arzt-(Therapeut-)Patient-Beziehungen und betrifft auch die Behandlungen mit physikalischer Medizin, die von den PatientInnen im allgemeinen sehr geschätzt werden. 2. 20 PatientInnen (15,5 Prozent) haben nicht an den Nachfolgeuntersuchungen sechs Monate nach den Behandlungen teilgenommen: Die Untersucher gehen davon aus, dass die fehlenden Daten keinen gravierenden Einfluss auf die Auswertung hatten. In der Studie wurden die fehlenden Nachuntersuchungsdaten durch die Daten nach der Behandlungsserie ersetzt. 3. Die Effektivität der manipulativen Therapie hängt sehr von der Erfahrung und Technik der jeweiligen BehandlerIn ab: Was die physikalische Therapie betrifft, gibt es einen standardisierten Ablauf, und um Variationen in den Akupressur-Behandlungen zu reduzieren, wurden die Behandlungen ausschließlich von einer Person durchgeführt.