Hintergrund

Übelkeit und Erbrechen sind den Statistiken zufolge für 50 bis 80 Prozent aller schwangeren Frauen ein Problem, das etwa in der 4. Schwangerschaftswoche beginnt und üblicherweise bis zur 12., manchmal aber auch bis zur 16. Schwangerschaftswoche andauert. Nausea gravidarum oder Emesis gravidarum, also morgendliche Übelkeit mit Erbrechen haben der Studie von Lacroix und Melzack zufolge ("Nausea and vomiting during pregnancy: A prospective study of its frequency, intensity, and patterns of change", Am J Obstet Gynecol. 2000 Apr;182(4):931-7, http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10764476) nur etwa 2 Prozent der schwangeren Frauen, wohingegen etwa 50 Prozent über Übelkeit berichten, die den ganzen Tag anhält. Bis zur 14. Schwangerschaftswoche zeigt sich eine Besserung der Beschwerden nur bei etwa 50 Prozent, bis zur 22. Woche jedoch bei etwa 90 Prozent der Betroffenen.

In den vergangenen Jahren ist zur Behandlung der Schwangerschaftsübelkeit der Einsatz von Medikamenten zurückgegangen und betroffene Frauen greifen zunehmend auf nicht-medikamentöse sowie komplementäre und alternative (CAM-) Behandlungen zurück, wobei einer der Gründe darin liegt, dass so manche Betroffene daran zweifelt, dass die verabreichten Medikamente für den Fötus unproblematisch und ohne Folgen sind.

Unter den komplementären und alternativen Ansätzen hat Akupressur, die auf den Grundlagen der Traditionellen Chinesischen Medizin beruht, eine lange Geschichte in der Behandlung von Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft. Und während Studien zur Wirksamkeit von Akupressur bei Schwangerschaftserbrechen und -übelkeit bislang vor allem den Punkt P 6 (Neiguan, innere Schranke) in den Mittelpunkt stellten, wählten Naeimi Rad Mojgan et al. ("A Randomized Clinical Trial of the Efficacy of KID21 Point (Youmen) Acupressure on Nausea and Vomiting of Pregnancy", Iranian Red Crescent Medical Journal. 2012 November; 14(11): 697-701, http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3560537) den Punkt Ni 21 (Youmen, dunkles Tor).

Der Chong Mai (Vitalitätsgefäß, Impulsgefäß) verläuft (in seinem Hauptast) vom KG 1 über Ma 30 zu Ni 11 und dann entlang dem Nierenmeridian bis zu Ni 21 Von dort dringt in den Thorax ein, verläuft durch den Schlund nach oben und umkreist den Mund. Eine der Funktionen des Chong Mai ist die energetische Verbindung von Magen und Uterus und dementsprechend hat der Chong Mai das Potential, wenn das Qi rebelliert, den Magen in seiner absenkenden Funktion zu blockieren und damit zu Übelkeit und Erbrechen zu führen.

Durchführung

Durchgeführt wurde die Untersuchung als Single-Blind-Studie, wobei letztlich jeweils 40 schwangere Frauen im Alter zwischen 18 und 35 Jahren in der Verum-Gruppe (Anwendung von Ni 21) und in der Placebo-Gruppe waren. Die Voraussetzungen, die die Versuchsteilnehmerinnen erfüllen mussten, waren eine gesunde Schwangerschaft im ersten Drittel, leichte bis schwere Übelkeit und Erbrechen, normale Werte hinsichtlich der Elektrolyte und keine Erkrankungen, die unmittelbar die Übelkeit hervorrufen könnten wie gastrointestinale Erkrankungen und Blutdruckprobleme oder andere Faktoren wie z.B. Rauchen oder eine unerwünschte Schwangerschaft. Ein Ausschlussgrund war aber auch die Einnahme von Medikamenten gegen die Übelkeit. Jede Frau hatte jederzeit die Möglichkeit, die Studienteilnahme jederzeit abzubrechen, was drei der ursprünglich 85 Frauen in der Verum-Gruppe und zwei in der Placebo-Gruppe in Anspruch nahmen.

Von den 80 Versuchspersonen, die in der Studie verblieben, war es bei 38 Frauen nicht die erste Schwangerschaft, wobei 24 von ihnen (63,2%) schon in den früheren Schwangerschaften unter Übelkeit und Erbrechen zu leiden hatten.

Erhoben wurden von jeder Frau soziodemographische Daten mittels eines Fragebogens und die Intensität ihrer Übelkeit mit Hilfe einer standardisierten Visuell-Analogen-Skala (VAS, visual analogue scale), die einen Bereich von 0 bis 10 erfasst. 0 bedeutet den bestmöglichen Zustand, also das völlige Fehlen von Übelkeit, und 10 den schlimmsten Fall von Übelkeit. Ergänzend wurde noch die Häufigkeit des Erbrechens erhoben.

In beiden Versuchsgruppen (Verum und Placebo) wurden die üblichen Empfehlungen zur Vermeidung/Minderung der Übelkeit gegeben: das Essen kleiner Portionen, nicht bis zum Völllezustand essen, fettes und stark gewürztes Essen vermeiden, trockenes Brot oder Cracker vor dem Schlafengehen zu essen ... Alle Frauen haben zudem Vitamin B6 bekommen und wurden ausnahmslos zwischen 17 und 19 Uhr behandelt, wobei die Türen und Fenster während der Behandlung geschlossen blieben, um äußere Reize/Einflüsse zu vermeiden.

Die Behandlung erfolgte durch das sanfte Auflegen der Daumen auf Ni 21 beidseits bzw. auf andere ("falsche") Punkte in der Placebo-(Sham-)Akupressur. Anschließend erhöhte der Behandler den Druck so lange er nicht schmerzhaft war. Wenn Schmerz entstand, wurde der Druck nachgelassen bis der Schmerz wieder völlig abgeklungen war (zugleich wurde die Druckstärke auch objektiv erfasst durch die Verfärbung des Fingernagels des Behandlers). Der Druck auf Ni 21 (bzw. die Placebo-Punkte) wurde tief und fest zwei Minuten lang angewendet, immer aber so, dass er von der Behandelten gut angenommen werden konnte, dann auch abwechselnd links und rechts für weitere 2 Minuten. Anschließend wurde der Druck nachgelassen und der Punkt weitere zwei Minuten massiert, um den Nieren-Meridian anzuregen. Insgesamt wurde diese Vorgehensweise 20 Minuten lang durchgeführt - insgesamt vier Tage hintereinander. Ergänzend wurde den Frauen gesagt (und entsprechend erklärt), dass sie diese Vorgehensweise ausführen können, wenn sie Übelkeit aufsteigen spüren.

Ergebnisse Die Intensität der Übelkeit am 4. Tag zeigte statistisch deutlich signifikante Unterschiede zwischen der Verum- und der Placebo-Gruppe (die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen haben von Behandlungstag zu Behandlungstag zugenommen), ebenso die Häufigkeit des Erbrechens. Nebenwirkungen sind hingegen keine aufgetreten.

Die Ergebnisse zeigen deutlich, so die Autoren, dass die Akupressur-Behandlung von Ni 21 deutlich wirksamer ist als eine Placebo-Behandlung und positiv auf Übelkeit und Erbrechen im ersten Schwangerschaftsdrittel wirkt - ein Ergebnis, das bisher in der Forschung in dieser Prägnanz noch nicht vorgelegen ist, denn es gibt zwar beispielsweise eine Akupunktur-Studie von C. Smith (2002), in der Ni 21 verwendet wird, aber nicht ausschließlich, sondern in Kombination mit anderen Punkten, von denen ebenfalls ein Einfluss auf Übelkeit und Erbrechen "bekannt" ist.

Quellen: Iranian Red Crescent Medical Journal. 2012 November; 14(11): 697-701 (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3560537)
Bild: Cornelia Menichelli (www.pixelio.de)
(Irrtümer vorbehalten)