Wissenschaft und Philosophie sind durch zwei unterschiedliche erkenntnistheoretische Ansätze geprägt, einerseits durch die Frage nach dem Inhalt ("Woraus besteht es?") und andererseits durch die Frage nach der Form ("Was für einen Inhalt hat es?")

Die Frage nach dem Inhalt

Das Studium des Inhalts, der Substanz, begann im wesentlichen im alten Griechenland im 6. Jahrhundert vor Christi mit der Frage nach den Grundbestandteilen der Materie. Die Antworten darauf - je nach dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis - waren die Elemente Erde, Feuer, Luft und Wasser, später dann die chemischen Elemente, die Atome und nunmehr subatomare Teilchen, in der Biologie Organismen und Arten, dann Zellen und schließlich Makromoleküle.

Diese Betrachtung wurde vor allem durch Galileo Galilei (1564 bis 1642) zur Grundlage der modernen Wissenschaft. Galilei begründete mit der Einführung von reproduzierbaren (wiederholbaren) Messungen und deren mathematischer Quantifizierung das "naturwissenschaftliche Zeitalter", womit er die Wissenschaft von der Theologie und der Philosophie trennte.

Entscheidend für den neuen Denkansatz war die Objektivität der Ereignisse, die unabhängig von religiösen oder philosophischen Überlegungen ist - letztlich die Geburtsstunde der Trennung der Natur in zwei getrennte Bereiche, in den Bereich des Geistes (res cogitans) und den Bereich der Materie (res extensa), wie sie schließlich René Descartes (1596 bis 1650) explizit formulierte. Diese "Cartesianische Trennung" erlaubte es den Wissenschaftlern, die Materie als unbelebt und völlig von ihnen getrennt zu behandeln - und damit zu glauben, die Welt objektiv - d.h. unabhängig vom Beobachter, Betrachter - beschreiben zu können.

Sir Isaac Newton (1642 bis 1727) entwickelte auf den Grundlagen von Galilei ein umfassendes mechanistisches Weltbild, in dem an die Stelle geheimnisvoller Beziehungen und Verbindungen die wissenschaftliche Vorstellung einer exakt quantifizierbaren und mathematisch erfassbaren Kraft trat, und aus dem Weltall wurde quasi ein riesiges, von mathematischen Gesetzen regiertes Uhrwerk, von dem sich der "göttliche Uhrmacher", nach dem alles einmal in Gang gesetzt war, zurückgezogen hat.

Im 19. Jahrhundert wurde das evolutionäre Denken eingeführt, die Zelltheorie formuliert, die moderne Embryologie und die Mikrobiologie nahmen ihren Anfang. Die Gesetze von der Vererbung wurden entdeckt. Diese Eigenschaften und Erkenntnisse ließen die Biologie auf Physik und Chemie aufbauen, und man bemühte sich, physikalisch-chemische Erklärungen des Lebens zu suchen. In der Mikrobiologie wies Pasteur nach, dass es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Mikroorganismen (Keimen) und Krankheiten gibt, was dazu führte, dass Bakterien als (nahezu einzige) Ursache von Krankheiten gelten gelassen wurden.

Die moderne naturwissenschaftliche Medizin

Die moderne Medizin beruht auf einem naturwissenschaftlichen Zugang, dessen Grundlagen von Galilei, Newton, Descartes und anderen auf physikalischer und weltanschaulicher Ebene geschaffen wurden, und entwickelte sich zu einem vor allem somatischen, auf den Körper bezogenen Wissenszweig, der primär am Studium der Substanz interessiert und mit Gegenständlichem, Stofflichem, Materiellem befasst ist.

In diesem Sinne sind Erkrankungen auch von materiellen Ereignissen verursacht, wie von Viren, Bakterien, organischen und chemischen Giften, falscher Ernährung, neuroendokrinologischen Störungen oder von mechanischen Einwirkungen (Verletzungen).

Andreas Vesalius (1514 bis 1564) hat auf Grund von anatomischen Studien das Kranksein konsequenterweise mit morphologischen Veränderungen verknüpft - d.h. messbaren Veränderungen am organischen Substrat, am Gewebe, an den Zellen.

Krankheit wurde (und wird) in der Folge als Fehlfunktion von physikalisch-chemischen und biologischen Mechanismen angesehen, die korrigiert (behandelt) werden müssen.

Der kausal-analytische Ansatz der naturwissenschaftlichen Medizin führt jede Erkrankung auf eine bestimmte und bestimmbare Ursache zurück. Die Diagnose zielt darauf ab, krankhafte Veränderungen und deren Ursache(n) festzustellen - wobei hochtechnische Methoden der modernen Medizin selbst geringfügige Änderungen auf der Ebene des Gewebes, der Zellen oder der Biochemie zu entdecken ermöglichen. Eine Erkrankung gilt dann als erklärt, wenn es gelingt, sie in einen kausalen Zusammenhang einzuordnen.

Der forschende Blick dieser analytischen Sichtweise richtet sich vornehmlich auf die Krankheit und nicht auf den Kranken und verliert so leicht aus den Augen, dass der kranke Mensch Teil eines lebendigen Umfeldes ist. Vorgänge im Organismus, die nicht messbar und damit für die naturwissenschaftliche Medizin nicht greifbar sind, werden vernachlässigt, und die naturwissenschaftliche Medizin kennt im Bereich funktionaler Leiden, denen kein organischer Befund entspricht, wenig Behandlungsmöglichkeiten. 
 

Die Frage nach der Form

Während das Denken bei der Erforschung der Substanzen (messen, wiegen etc.) rational, analytisch, reduktionistisch, linear ist, können Muster weder gemessen noch gewogen werden. Man kann sie nur darstellen. Um ein Muster zu verstehen, muss man eine Konfiguration von Beziehungen abbilden. Das Denken ist deshalb intuitiv, synthetisch, ganzheitlich, nicht-linear. Bei der Frage nach den Substanzen (dem Inhalt, den "Teilen") geht es vor allem um Quantitäten, bei der Frage nach dem Muster (der Form, dem "Ganzen") hingegen stehen die Qualitäten im Vordergrund.


Die ganzheitliche Perspektive, die die Verflechtung der Teile zu einem Ganzen betrachtet, wird in der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts als systemisch bezeichnet, wobei unter einem System ein integriertes Ganzes verstanden wird, dessen wesentlichsten Eigenschaften sich aus den Beziehungen seiner Teile ergeben. Systemisches Denken bedeutet das Verständnis eines Phänomens innerhalb des Kontextes eines größeren Ganzen.

Das Verhalten eines lebendigen Organismus als integriertes Ganzes lässt sich nicht allein aus dem Studium seiner Teile verstehen, denn wie die Systemtheoretiker formulieren: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Zu den physikalisch-chemisch beschreibbaren Teilen (Eigenschaften) kommen noch organisierende Beziehungen in Form von Beziehungsmustern hinzu.

Ein System, so die revolutionierende Einsicht der Systemtheorie, kann nicht durch Analyse seiner Teile verstanden werden. Die Eigenschaften der Teile (eines Ganzen) sind nämlich keine Eigenschaften an sich, sondern lassen sich immer nur im Kontext des größeren Ganzen verstehen. Als Metapher dient das Netzwerk, dessen wichtigste Eigenschaften die Nichtlinearität (seine Beziehungen sind nicht linear) und die Selbstorganisation (Selbstregulation über Rückkoppelungsmechanismen) sind.

Das systemische Denken findet sich beispielsweise in der modernen Quantenphysik, der zufolge das Universum ein dynamisches Gewebe zusammenhängender Vorgänge ist. Keine der Eigenschaften irgend eines Teils dieses Gewebe ist fundamental, alle ergeben sich aus den Eigenschaften der anderen Teile, und die Gesamtübereinstimmung der gegenseitigen Wechselbeziehungen bestimmt die Struktur des ganzen Gewebes. 
Es gibt im systemischen Ansatz keine fundamentalen Gesetze, Gleichungen oder Prinzipien. Sie sind allesamt Schöpfungen des menschlichen Geistes, ein System von Begriffen und Symbolen, die gleichsam eine Landkarte der Wirklichkeit bilden - und nicht die Wirklichkeit selbst sind.

Die naturwissenschaftliche westliche Medizin hat immer mehr den inhaltlichen, substantiellen, strukturellen Aspekt in den Vordergrund ihrer Betrachtung gestellt, während die traditionelle chinesische (und insgesamt die fernöstliche) Medizin mehr am Muster interessiert war und ist. Die Grundlage der Traditionellen Chinesischen Medizin ist systemisches Denken. Ein chinesischer Arzt ist überzeugt, eine gültige Einsicht gewonnen zu haben, wenn er alle zur Erklärung einer bestimmten Erscheinung notwendigen Beziehungen definiert hat. Erklärt ist eine Sache oder ein Sachverhalt dann, wenn man zeigen kann, wie er mit allem anderen zusammenhängt. Jede Gesetzmäßigkeit weist auf einen größeren Zusammenhang hin.

Die Betrachtung des Menschen erfolgt in der chinesischen Medizin aus einer systemischen Sichtweise heraus und bildet damit keinen Gegensatz oder ausschließende Alternative zur modernen naturwissenschaftlichen Medizin. So wie Inhalt und Form bieten östliche und westliche Medizin eine Ergänzung, die die therapeutischen Möglichkeiten der Behandlung ernorm zu erweitern vermag.
 

Die Traditionelle Chinesische Medizin

Die Grundlage der Traditionellen Chinesischen Medizin beruht auf einem systemischen Denken. Nicht so sehr die Substanz, das Körperliche, die Organe stehen im Mittelpunkt des Interesses, vielmehr liegt die Konzentration der TCM auf den organisierenden Beziehungen, den Kontext des ganzen Organismus, eingebettet in eine beeinflussende (und auch in einem gewissen Maße beeinflussbare) Umwelt. Die Frage ist nicht so sehr "Woraus besteht der Mensch", sondern vielmehr "Wie wirken sich äußere und innere Gegebenheiten auf seine Funktionen aus?".

Die der Traditionellen Chinesischen Medizin zugrunde liegende daoistische Betrachtungsweise sieht den menschlichen Organismus als eine "kleine Welt", gleichsam einem Modell des Universums. Transport und Kommunikation innerhalb dieses Universums beruhen auf einem komplexen System von Kanälen und Ausgleichsbecken, die mit Wasserläufen, Seen und Meeren verglichen werden.

Wenn alle Bereiche der inneren Landschaft miteinander in Harmonie sind, ist ein Mensch gesund. Chaotische und unkoordinierte Funktionen hingegen manifestieren sich als Erkrankungen und erscheinen als Disharmoniemuster. Die sich manifestierende Erkrankung ist dabei der sichtbare Teil des gestörten individuellen Gefüges.

Die Traditionelle Chinesische Medizin ist eine vor allem funktionale Wissenschaft, die den Menschen als ein System von Funktionskreisen versteht. Funktionen lassen sich jedoch nicht messen und quantifizieren, vielmehr müssen entgleiste Funktionen bewertet und qualifiziert werden - dazu dienen vor allem die Konzepte von Yin und Yang und den Fünf Wandlungsphasen.

Es ist wichtig, dass der chinesische Arzt das Muster der Funktionskreise gut kennt und erfassen kann, denn die Diagnostik der Traditionellen Chinesischen Medizin dient dazu, Aufschluss zu geben über das vorliegende Muster der Disharmonie und die erhobenen Befunde qualitativ zu bewerten, so dass eine genaue und spezifische Aussage (z.B. Stagnation des Leber-Qi und zugleich bestehender Schwäche des Nieren-Qi) erstellt werden kann, die die Basis der Behandlung bildet.

In Anlehnung an "Drei Medizinsysteme - Drei Weltanschauungen" von T. Fischer