In der Zeit des Mittelalters, als die Menschen das irdische Paradies im fernen Osten wähnten, ebenso wie die Monster der biblischen Apokalypse (weshalb viele glaubten, der Weltuntergang sei da, als 1241 mongolische Reiterhorden bis nach Schlesien und Ungarn vordrangen), wuchs auch der Handel mit dem fernen Osten. Seide, Gewürze und Edelsteine aus Asien erreichten den europäischen Kontinent. In jener Zeit schon kursierte die christliche Legende von Barlaam und Josaphat, eine christianisierte Variante von Buddhas Leben.

Barlaam und Josaphat

Der indische König Abenner ist in dieser Legende ein weiser und verantwortungsvoller Herrscher. Christen jedoch hasst er und lässt sie im ganzen Reich verfolgen. Es ist deshalb ein Schock für ihn, als ihm Sterndeuter prophezeiten, sein eigener Sohn Josaphat werde dereinst zu dieser Religion übertreten. Um das zu verhindern, lässt der Monarch den Prinzen in einer Scheinwelt aufwachsen, abgeschirmt vom richtigen Leben und zugleich maßlos verwöhnt. Auf Ausflügen aus dem Palast erblickt Josaphat jedoch einen Leprakranken, einen Blinden und einen Greis und erkennt , dass irdisches Leben mit Leid, Krankheit, Alter und Tod verbunden ist.

Bald darauf schleicht sich der christliche Mönch Barlaam, als Kaufmann verkleidet, bei Hofe ein und lehrt Prinz Josaphat das Christentum. Der König setzt alles daran, seinen Sohn vom vermeintlichen Irrglauben abzubringen, ist aber erfolglos. Schließlich vermacht er Josaphat das halbe Königreich, wohl um ihn scheitern zu lassen und ihm damit seine Unreife und Verblendung vor Augen führen zu können. Doch schon bald sind die Menschen in den Gebieten Josaphats wohlhabender und zufriedener als unter dem alten Regenten. Am Ende der Geschichte tritt König Abenner bekehrt zum Christentum über.

Die Berichte von Marco Polo

Eine weitere frühe Quelle des Lebens von Buddha ist Marco Polos Buch "Die Vielfältigkeit der Welt", das um 1300 fertig gestellt worden war. 1298 saß Marco Polo im Kerker, bei Kämpfen seiner Heimatstadt Venedig gegen die Genueser war er in Kriegsgefangenschaft geraten. Hier beginnt er seinem Mithäftling Rustichello da Pisa von seinen ungeheuerlichen Abenteuern in einer ganz fernen Welt zu erzählen.

Fast ein Vierteljahrhundert lang war Marco Polo durch Asien gereist. Nach China, wie er behauptet, und später dann als Kundschafter des dort herrschenden mongolischen Großkhans Kublai in nahezu alle Regionen im Süden und Osten des asiatischen Kontinents.

Unter den wundersamen Begebenheiten, die Marco Polo im Verlies berichtet, ist auch die Geschichte Buddhas, von Sergamoni Borcam (eine Abwandlung der Bezeichnung „Sakyamuni“, der „Weise der Sakya“, wie Buddha Siddharta Gautama nach seiner Herkunft aus dem Volk der Sakya auch genannt wird), einem Prinzen aus dem Morgenland. Die schönsten Mädchen der Welt tanzen für ihn, doch Sergamoni Borcam lässt sich nicht verführen. Er bleibt keusch, führt ein „heiliges Leben“ und erlangt schließlich die Erleuchtung.

Das Budhhacarita

Wahrscheinlich gehen sowohl die Legende von Barlaam und Josaphat als auch die Erzählung von Marco Polo auf das Buddha-Epos Buddhacarita eines indischen Dichters aus dem zweiten Jahrhundert nach Christi zurück, dass sich - durch Händler und Gelehrte weitergetragen - entlang der Seidenstraße ausgebreitet hat. Aus der Bezeichnung „Bodhisattva", so die Erkenntnis der Sprachwissenschaftler heute, entwickelte sich das mittelpersische Wort „Budasif", das arabische Wort „Judasaf", das georgische „Iodasaph", das griechische „Ioasaph" und schließlich das lateinische „Josaphat".

Josaphat wird als Heiliger geehrt

Eine, wahrscheinlich von Johannes Damscenus, einem großen Krichenlehrer des achten Jahrhunderts, in griechischer Sprache verfasste Version der Josaphat-Legende bildete die Grundlage für die lateinischen Übersetzungen des 11. und 12. Jahrhunderts. Später entstanden in ganz Europa volkssprachliche Übertragungen. In deutschen Landen formte der aus Vorarlberg stammende Rudolf von Ems aus dem Stoff um 1225 ein Versepos in mittelhochdeutscher Sprache, mit dem pädagogischen Ziel der „Besserung der Christenheit". Seine Erzählung fand weite Verbreitung, der Stoff wurde zu einer der beliebtesten Legenden des späten Mittelalters und findet in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts sogar Eingang in das „Legenda aurea", das nach der Bibel wohl am weitesten verbreitete Buch der damaligen christlichen Welt.

1583 wird Josaphat von der katholischen Kirche sogar in den Heiligenkalender aufgenommen, am 27. November wird seiner bis heute gedacht. Ebenfalls im 16. Jahrhundert entdeckten die Jesuiten das Potential der Josaphat-Legende, verfassten theologische Lehrstücke auf ihrer Basis und - als eine Kapriole des Schicksals - brachten Missionare diese Geschichte auch nach Asien, um dort die „Heiden" zu bekehren.

Quelle: Der Buddhismus. Geo Epoche Nr. 26