Entstehen in gegenseitiger Abhängigkeit (Pratitya-Samutpada) beschreibt die von Buddha erkannten Bedingungen der Kausalität. Das „Rad des Lebens“ (oder auch „Rad des Karma“) beschreibt die zirkuläre Struktur gewohnheitsmäßiger Muster, in der jedes Glied das nächste bedingt und von anderen bedingt wird. Jeder Aspekt des menschlichen Lebens wird von einem früheren Einfluss oder Seinszustand bedingt und trägt dazu bei, dass sich Gewohnheiten verfestigen.

Die zirkuläre Kette des „Rad des Lebens“ - bildlich dargestellt im äußersten Kreis - hat 12 Glieder (Nidanas):

  • Unwissenheit,
  • Absichtsvolles Tun,
  • Bewusstsein,
  • psychophysischer Komplex,
  • Sinne,
  • Kontakt,
  • Empfindung/Gefühl,
  • Gier,
  • Ergreifen,
  • Werden,
  • Geburt,
  • Altern und Tod.

1. Unwissenheit (dargestellt durch einen blinden Mann)

Unwissenheit (Nicht-Wissen) ist die Ursache allen karmisch-kausalen Handelns und bedeutet in der eigenen unmittelbaren Erfahrung die Wahrheit über die Natur des Geistes und die Wirklichkeit nicht zu kennen - und die falschen Ansichten und Gefühle („Verwirrtheit“), die ihren Ursprung im Nicht-Wissen haben.1)

2. Absichtvolles Tun (dargestellt durch einen Töpfer)

Aus dem Nicht-Wissen heraus handelt man auf der Basis eines Ichs (Ich-Identität). Es entsteht der Drang nach gewohnheitsmäßig wiederholten Handlungen, die auf einem - scheinbaren - Ich beruhen. Unwissenheit und Absichtsvolles Tun (Gestaltendes Handeln) sind die Vorbedingungen („vergangene Bedingungen“), aus denen die folgenden Glieder entstehen. Aus unserer Unwissenheit heraus setzen wir eine Vielzahl heilsamer und nicht heilsamer Taten und lassen damit zahlreiche Eindrücke ("Samen karmischen Instinkts") in unser Bewusstsein.

3. Bewusstsein (dargestellt durch einen Affen, der einen Baum hinauf- und hinunterklettert)

Bewusstsein bezieht sich ganz allgemein auf die Fähigkeit zu empfinden. Es kann die Bewusstwerdung im Leben eines empfindungsfähigen Wesens oder der erste bewusste Moment in einer gegebenen Situation bedeuten. Das Auftauchen eines speziellen Bewusstseinsinhaltes, seine jeweilige Ausprägung ist durch die Saat bedingt, die durch das Absichtsvolle Tun des vorigen Gliedes gelegt ist.

4. Psychophysischer Komplex (dargestellt durch einen Mann in einem Boot)

Bewusstsein erfordert das Zusammenwirken von Körper und Geist (Name und Form: Form bezieht sich auf die materielle Basis, aus der sich unser Körper entwickelt, und Name auf die verschiedenen Eindrücke und Potentiale aus der Vergangenheit, die der Bewusstseinsstrom in sich trägt). Bewusstseinsmomente in einer gegebenen Situation können stärker sinnlich oder stärker mental ausgeprägt sein.

5. Sinne (dargestellt durch ein Haus mit Fenstern)

Körper und Geist bedeuten, dass man sechs Sinne hat, die in alle Ereignisse involviert sind: Man sieht, man hört, schmeckt, riecht, berührt und denkt (d.h. die uns vertrauten fünf Sinne und der Geist).

6. Kontakt (dargestellt durch eine Frau und einen Mann, die sich umarmen)

Jeder Bewusstseinsinhalt setzt einen Kontakt zwischen den Sinnen und dem Sinnesfeld, dem Objekt voraus. Ohne Kontakt gibt es keine sinnliche Erfahrung. Kontakt und Berührung führen zu den entsprechenden Sinnesobjekten.

7. Empfindung/Gefühl (dargestellt durch einen Menschen mit einem Pfeil im Auge)

Aus jedem Kontakt geht Empfinden hervor und ist entweder angenehm, unangenehm oder neutral. Jede Erfahrung hat eine Gefühlsfärbung. Grundlage des Empfindens ist stets einer der sechs Sinne. An diesem Punkt stößt man gleichsam mit der Welt zusammen.

8. Gier (dargestellt durch einen Menschen, der Alkohol trinkt)

Aus der Empfindung erwächst die Gier (das Verlangen), die als grundlegende automatische Reaktion in ihrer Grundform das Verlangen nach Angenehmen und das Zurückweisen von Unangenehmen ist.

An diesem Punkt der Kausalkette - und das macht dieses Bindeglied so wichtig - kann man in die bisher, aufgrund früherer Konditionierung automatisch ablaufenden Reaktionen eingreifen. Wie man mit der Gier umgeht, bestimmt, ob man eine Situation fortsetzt oder zu wandeln vermag.

9. Ergreifen (dargestellt durch einen Affen, der nach einer Frucht greift)

Gier hat unmittelbar Ergreifen und Anhaften zur Folge. Dies bezieht sich nicht nur auf Dinge und Situationen, die man sich wünscht, sondern auch auf die Abneigung gegen etwas, das man loswerden möchte.

10. Werden (dargestellt durch eine schwangere Frau)

Anhaften und Ergreifen führen automatisch zu einem Werden hin, zu einer Herausbildung von neuen Situationen in der Zukunft - im buddhistischen Sinne auch zu Wiedergeburt. Werden setzt die Bildung neuer Muster in Gang, die in künftige Situationen hinüberspielen.

11. Geburt (dargestellt durch ein Kind, das gerade geboren wird)

In der Geburt wird eine neue Situation und eine neue Seinsweise in dieser Situation geboren. Auf diesem Punkt, an dem man die Kausalkette gewöhnlich spürt, ist man schon über den Punkt hinaus, dass man noch etwas ändern könnte. Ein neuer Zyklus hat begonnen.

12. Altern und Tod (dargestellt durch einen Mann, der einen Leichnam trägt)

Jedes Entstehen hat zwangsläufig Auflösung zur Folge. Momente enden, Situationen enden und jedes Lebewesen stirbt. Der Tod ist in dieser zirkulären Kausalitätskette das kausale Bindeglied zum nächsten Zyklus der Kette. Der Tod eines Erfahrungsmomentes ist die kausale Vorbedingung für das Entstehen des nächsten Momentes. Und so lange es noch Nicht-Wissen und Verwirrung gibt, so die buddhistische Lehre, dreht sich das Rad endlos weiter.

Der Kreislauf der bedingten menschlichen Erfahrung wird Samsara genannt und bildlich als das ewig kreisende Rad der Existenz dargestellt, das von einer gnadenlosen Kausalität angetrieben wird: Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern, früheres absichtsvolles Tun und früheres Nicht-Wissen nicht auslöschen. Da man lebt und einen psychophysischen Organismus hat, sind auch die Sinne und ihr Kontakt mit Objekten ebenso unausweichlich wie die Empfindungszustände, die hervorgerufen werden, und die daraus resultierende Gier.

Die Gier allerdings muss nicht - geeignete Methoden der Achtsamkeit in jedem einzelnen der Augenblicke vorausgesetzt - automatisch zum Ergreifen führen. Das ist die Stelle, so die Erfahrung und Lehre des Buddha, an der man die Kette der automatischen Konditionierung durchbrechen kann. Achtsamkeit ist deshalb die grundlegende Haltung aller buddhistischen Traditionen. Achtsamkeit ermöglicht es dem Meditierenden, Einsicht in das Entstehen und Vergehen der erfahrenen Situationen zu entwickeln und die normalerweise unbewusst ablaufende Kausalität des abhängigen Entstehens zu durchbrechen.2)

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[1] Im Inneren des „Rad des Lebens“ werden traditionell die "drei geistigen Gifte" abgebildet: das Schwein (für die Unwissenheit), der Hahn (oder Vogel für die Gier, die gierige Anhaftung) und die Schlange (für den Zorn) abgebildet. Die Darstellung, dass das Schwein den Schwanz des Hahnes (oder Vogels) und den Schwanz der Schlange in seinem Mund hat, soll darauf hinweisen, dass Nicht-Wissen die Ursache von Gier und Zorn ist.

[2] Karma beschreibt - abweichend vom weit verbreiteten Verständnis als „Schicksal“ oder „Vorbestimmung“ – die psychische Kausalität, wie sich Gewohnheiten bilden und verfestigen und deren Folgen. Streng genommen ist Karma der Prozess der Intention (Absichtsvolles Tun) selbst – die Hauptbedingung für die Ansammlung bedingter menschlicher Erfahrung. Francisco J. Varela, Evan Thompson, Eleanor Rosch - Der mittlere Weg der Erkenntnis. Der Brückenschlag zwischen wissenschaftlicher Theorie und menschlicher Erfahrung. Goldmann Verlag München 1995. Jonathan Landaw & Andrew Weber - Bilder des Erwachens. Tibetische Kunst als innere Selbsterfahrung. Diamant Verlag 1977.