Der Legende zufolge hat die Kaiserin Xi Ling Shi, Gattin von Huang Di, vor etwa 4.600 Jahren die Kunst der Seidenspinnerei erfunden.1) Unzählige fingerlange Raupen hatten sich über die Blätter der Maulbeerbäume hergemacht. Und als sie eine davon aus dem Geäst zupfte, fiel sie in ihren Tee. Beim Herausfischen erwischte sie einen einzigen hauchdünnen Faden, den sie um ein Ästchen spulte.

Um den Wert ihres Geheimnisses wissend, hüteten die Chinesen ihr Geheimnis so vortrefflich, dass sie einige tausend Jahre die Einzigen waren, die Seidenstoff - über den Karawanenweg der danach benannten Seidenstraße - an ferne Kunden verkauften. Das älteste Zeugnis dieses Exports ist eine über dreitausend Jahre alte, in Seide gehüllte weibliche Mumie aus Oberägypten. Und in der noch jungen römischen Republik des fünften Jahrhunderts vor Christi begehrten die ganz Reichen den exotischen Stoff so sehr, dass sie ihn mit Gold aufwogen. Seinen Höhepunkt erreichte der Handel mit Rom in der Zeit von Kaiser Augustus (63 v.Chr. bis 14. n.Chr.) und der Han-Dynastie (206 v. Chr. - 221 n. Chr.), aber schon wenige Jahrhunderte danach wurde aus dem vormaligen Luxusgut zunehmend ein „Allerweltsgut“.

Im 4. Jahrhundert nach Christi hatte China zudem sein Monopol auf die Seidenherstellung verloren, denn das im Westen des heutigen China gelegene Königreich Khotan war durch eine List in den Besitz des so lange wohlbehüteten Geheimnisses gelangt: Als Zeichen der Treue zum mächtigen Nachbarn hatte der König von Khotan um die Hand der Tochter des Kaisers von China angehalten. Nachdem sein Antrag angenommen worden war, ließ er seine Gattin in spe jedoch wissen, dass es in ihrer neuen Heimat weder Maubeerbäume noch Seidenraupen gäbe, woraufhin die Prinzessin Samen der Bäume und Eier der Raupen in ihren Haaren versteckte und sie ins Königreich Khotan schmuggelte. In der Folge wurde Khotan zu einem weiteren bedeutenden Seidenproduzenten, der das Geheimnis jedoch genau so zu hüten suchte wie China.

Bis die Seidenraupenzucht auch nach Europa gelangte, dauerte es nochmals zwei Jahrhunderte. Im 6. Jahrhundert schickte der römische Kaiser Justinian I. zwei christliche Mönche nach China, um dort die Seidenherstellung zu erlernen und Seidenraupeneier und Maulbeerbaumsamen zu stehlen. Der Überlieferung nach schmuggelten sie erfolgreich in ihren präparierten Wanderstöcken Samen und Eier nach Byzanz, wo sie den Grundstein für die berühmten Seidenspinnereien dieser Region legten.

Nachdem bald auch die Araber von der Kunst Kenntnis erhalten hatten, breitete sich das Wissen nach und nach über ganz Europa aus. Im 10. Jahrhundert gelangte es nach Italien und im 15. Jahrhundert nach Frankreich. Im 19. Jahrhundert wurden - wenngleich mit bescheidenem Erfolg - entlang des Rhein Maulbeerbäume in die Weinberge gepflanzt. Heute werden Seidenraupen zur Gewinnung von Seide in China, Japan, Indien und in Südeuropa gezüchtet. Die dafür erforderlichen Maulbeerbäume (die Raupen ernähren sich ausschließlich von ihren Blättern) wurden ebenfalls kultiviert und in die Erzeugungsländer importiert. Durch Kreuzungen werden zudem Seidenfäden in unterschiedlichen Farben und Nuancen gewonnen.

Seidenraupen und die Herstellung von Seide

Der weiß-graue Seidenspinner (Bombyx mori)2) hat eine Spannweite von etwa vier Zentimeter und lebt nur ein bis zwei Wochen. Fressen kann er in diesem Stadium nicht, sein einziges Ziel in dieser Zeit ist die Fortpflanzung. Ein paar Tage nach der Paarung im Juni, die sechs bis acht Stunden dauert, legt das Weibchen im Geäst des Maulbeerbaums etwa 400 bis 500 gelbe Eier (und stirbt selbst wenig später). Die Eier werden dann bald dunkler und schließlich schiefergrau, bis ins Bläuliche, Violette oder Grünliche gehend, flachgedrückt und 1 bis 1,5 mm lang. Unbefruchtete Eier bleiben gelb und trocknen aus. Nach einem Jahr schlüpfen die nun stecknadelgroßen Raupen aus den befruchteten Eiern Innerhalb eines Monats fressen die Nachkommen eines einzigen Schmetterlings etwa 5 Kilogramm Bläter und nehmen dabei das 40.000-fache ihres Gewichts beim Schlüpfen zu. Für ein einziges Seidenhemd müssen etwa 3.000 Raupen zwei Maulbeerbäume entlauben.

Wenn die Raupen eine Länge von etwa 9 Zentimeter erreicht haben, beginnen sie sich einzuspinnen. Dabei klammern sie sich sich mit ihrem hinteren Ende an einen Ast und produzieren mit den Spinndrüsen am Kopf einen einzigen bis zu einen Kilometer langen Seidenfaden. Die Kokons entstehen innerhalb von vier Tagen, wobei die Tiere ihre Vorderleiber einige hunderttausend Mal um sich selbst drehen. Der Faden, den sie erzeugen, ist dabei so leicht und dünn, dass er, würde er von Frankfurt bis nach New York reichen, nur 1,5 Kilogramm wiegen würde.

Drei Wochen dauert es nun, bis sich im Inneren die fertigen, nach tausenden Jahren der Züchtung mittlerweile flugunfähigen Schmetterlinge entwickeln. Doch nur wenige werden tatsächlich entschlüpfen, um für Nachwuchs zu sorgen. Die meisten Puppen erleiden nämlich für die Seidenproduktion den Hitzetod, denn um den Seidenfaden zu gewinnen, werden die Puppen etwa am zehnten Tag nach Fertigstellung des Kokons mit kochendem Wasser oder heißem Dampf getötet. Der Seidenfaden wird dann vorsichtig abgewickelt, gereinigt und anschließend in der Seidenweberei weiterverarbeitet.

Quellen: Abenteuer Archäologie 2 / 2006 Wikipedia

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[1] Zum Beginn der Seidenherstellung gibt es mehrere Legenden in China. Der erste, der auf den Gedanken gekommen ist, Seidenraupen zur Herstellung von Gewändern zu benutzen, soll schon der legendäre Kaiser Fuxi gewesen sein, der auch als Erfinder eines mit Seidenfäden bespannten Saiteninstruments gilt. Und auch Shennong, der „Gott des Ackerbaus“ soll das Volk gelehrt haben, Maulbeerbäume und Hanf anzubauen, um Seide und Hanfleinen zu gewinnen. Archäologische Funde weisen auf einen Ursprung der Seidenspinnerei im 5. Jahrtausend vor Christi hin, denn am Unterlauf des Jangtse fanden Archäologen in den Überesten der steinzeitlichen Hemudu-Kultur Werkzeuge zur Seidenherstellung.
[2] Auch verschiedene andere Schmetterlingsarten, wie der Ailanthusspinner (Philosamia Cynthia), der sich von den Blättern des Götterbaums ernährt, werden als Seidenspinner bezeichnet und zur Gewinnung von Seide genützt.