"Entsagung" (tibetisch "nge jung") ist ein wichtiges Wort in der buddhistischen Lehre, das aber, so die buddhistische Nonne Jetsünma Tenzin Palmo, meist falsch verstanden wird. Man habe vor allem bei uns im Westen sofort den Eindruck, auf etwas verzichten zu müssen, sich von etwas abzuwenden oder abwenden zu müssen, das wertvoll wäre - und spürt dabei einen gewissen Schmerz.

Eigentlich aber ist etwas anderes gemeint. Tenzin Palmo vergleicht das mit einem Kind, das Spielsachen hat, die es gerne mag. Wenn man ihm sagen würde, es dürfe nicht mehr mit seinen Lieblingsspielsachen spielen, dann wäre das schmerzhaft für das Kind. Igendwann jedoch wird es älter und das Spielzeug verliert seine Faszination. Das Kind hat kein Interesse mehr daran. Es "entsagt" ihm nicht (im Sinne eines schmerzhaften Verzichts), sondern lässt es ganz zwanglos hinter sich.

Im Frühling und im Sommer stehen Bäume in vollem Laub. Wollen wir ein Blatt abreißen, so spüren wir den Widerstand. Sobald aber der Herbst kommt, lösen sich sich die Blätter von selbst, sie fallen einfach ab.

Ähnlich verhält es sich nach Tenzin Palmo mit der Entsagung. Nach außen sieht es so aus, als ob man etwas aufgäbe und als ob das weh täte. In unserem Inneren aber haben wir bei wahrer Entsagung unser Interesse daran auf ganz natürliche Weise verloren. Es spielt einfach keine Rolle mehr. Es wird uns also nicht entrissen, wir wachsen vielmehr daraus heraus. Wenn wir etwas finden, was unser Herz tief berüht, das echte Bedeutung für uns hat, dann wird vieles, womit wir uns bisher zerstreut haben, ganz einfach wertlos. Spüren wir allerdings noch aus der anderen Richtung einen Sog, ist es vielleicht noch zu früh ...

Es ist im menschlichen Leben notwendig, Prioritäten zu setzen, zu entscheiden wohin wir uns entwickeln wollen und was wirklich Wert für uns hat. Aber damit wir unserem Leben eine Richtung geben können, müssen wir uns ein Ziel setzen. Und wenn wir ein Ziel für uns gefunden haben, gilt es herauszufinden, was auf dem Weg dahin zu tun ist und was uns davon ablenken kann. Das ist, so Tenzin Palmo, die Grundlage der Entsagung, die keinen Schmerz bedeutet, sondern etwas zurücklassen, das wir jetzt nicht mehr benötigen.

Quellen: Jetsünma Tenzin Palmo: Die Freiheit des Geistes ist das Wichtigste. In: Tibet & Buddhismus 1/2010
Bild: Hans-Jürgen Spengemann (www.pixelio.de)