Das Tibetische Totenbuch (Bardo Thödol, Große Befreiung durch Hören im Zwischenzustand) beschreibt drei Zwischenzustände (Bordos) zwischen Tod und Wiedergeburt. Im "Bardo des Todes" erlebt das Bewusstsein des Verstorbenen eine intensive Lichtvision, die als "Klares Licht" oder "Innerer Glanz" beschrieben wird. Jetzt ruht das Bewusstsein vollkommen in sich, ohne dualistische Trennung von Subjekt und Objekt. Kann das Bewusstsein diesen Zustand höchster geistiger Klarheit, in dem der wahre Charakter, die "Leerheit" der Wirklichkeit (sunyata) erkannt wird, nicht halten - was nur nach entsprechender Vorbereitung möglich ist - tritt das Bewusstsein in den zweiten Zwischenzustand ein, das "Bardo des Erwachens" oder "Bardo der Wirklichkeit". Hier werden unterschiedliche Visionen erlebt, von kaum erträglichen Lichterscheinungen bis hin zu "friedvollen" und "rasenden Gottheiten", die (so das Tibetische Totenbuch) ausschließlich Projektionen unseres Bewusstseins sind.

Kann der Verstorbene seine Angst vor den Erscheinungen nicht überwinden und die Einheit seines Bewusstseins nicht bewahren, beginnt der dritte Zwischenzustand, das "Bardo des Werdens" oder "Bardo der Wiedergeburt". Nun werden die Ängste übermächtig, der Tote fühlt sich einsam und ohne Heimat, verfolgt von Dämonen (die auch jetzt nur seinem eigenen Bewusstsein entspringen). Kann der Tote das Grauen nicht als Illusion eigener Projektionen erkennen, wird der Drang nach Wiedergeburt übermächtig und er flüchtet sich in den Mutterschoß: Das Leben im Daseinskreislauf beginnt von Neuem und damit auch das Leiden, wie es die buddhistische Lehre sieht.

Interpretiert wurde das Tibetische Totenbuch, das auf den buddhistischen Meister Padmasambhava Ende des 8. Jahrhunderts nach Christi zurückgeführt wird und 8 Jahrhunderte später vom Mystiker Karma Lingpa gefunden wurde, seit seinem Bekanntwerden im Westen auf sehr unterschiedliche Weise. Von einer esoterischen Theorie über Tod und Wiedergeburt über ein tiefgründiges psychologisches Werk bis hin zu einem Leitfaden für den Gebrauch psychedelischer Drogen.

Unvereinbarkeit mit der klassischen westlichen Wissenschaft

Lange Zeit ging das westliche Verständnis der Seele von einem dualistischen Weltbild aus, demzufolge Geist und Materie grundverschiedene Substanzen darstellen. Ein Weiterleben der Seele nach dem Tod ist in dieser Weltsicht gut vorstellbar, weil sie unabhängig von allen körperlichen Funktionen existiert.

Dieses dualistische Weltbild läßt sich allerdings heute kaum mehr aufrecht erhalten. Die moderne Hirnforschung legt nahe, dass alle geistigen Funktionen letztlich auf neurobiologische Vorgänge beruhen. Es gibt, so ihre Konklusio, keine Seele, die unabhängig vom materiellen Körper existiert und mit dem Tod erlischt immer auch unser Selbst.

In der buddhistischen Sicht der Welt wird die Welt im Gegensatz dazu als eine Art Kontinuum begriffen, in dem "Geist" und "Materie" nur unterschiedliche "Aggregatszustände" von ein und derselben Wirklichkeit sind. Auch gibt es kein stabiles individuelles Selbst (und damit auch keine "Seele" im westlichen Verständnis). Was den Tod überdauert ist deshalb nicht unser Selbst, sondern ein subtiler Bewusstseinsstrom, der sich wieder manifestieren kann - vergleichbar mit dem Anzünden einer Kerze an einer anderen.

Quanten-Bewusstsein

In jüngster Zeit gibt es nun aber auch wissenschaftliche Theorien, die sich mit den Vorstellungen des Tibetischen Totenbuches decken. In der Quantenphysik, der Welt des Allerkleinsten, findet sich eine Parallele zum buddhistischen Weltbild. Die Materie verliert am Urgrund der Wirklichkeit ihren "materiellen" Charakter, man kann hier nicht mehr sinnvoll von Objekten sprechen, sondern nur noch von Potentialität, von Tendenzen, Austausch und ständigem Wandel. Letztlich, so die Vorstellung vieler Quantenphysiker ist die Wirklichkeit nichts anderes als Information - und damit die Trennung von Materie und Geist hinfällig. Beide sind lediglich verschiedene Ausdrucksformen der Wirklichkeit, und auch Bewusstsein könnte ein Quantenphänomen sein.

Ein solches Quanten-Bewusstsein bräuchte keinen materiellen Träger wie ein lebendes Gehirn und könnte damit dem Bewusstseinsstrom entsprechen, von dem das Tibetische Totenbuch spricht. Bewusstsein, so der niederländische Kardiologe und Nahtod-Forscher Pim van Lommel, könnte so der "Unschärfe" der Quantenphysik unterliegen und sich als Teilchen oder Welle verhalten. Das an das Gehirn gebundene Bewusstsein könnte so dem Teilchen-Aspekt entsprechen und nimmt nach dem Tod Wellencharakter an. So könnte das Bewusstsein - eine Art quantenphysikalisches Informationsfeld, das vom Gehirn empfangen wird wie elektromagnetische Wellen von einem Fernseher - unabhängig vom Körper weiter existieren - quasi in einen anderen Aggregatszustand eintreten.

Quellen: pm 9/2009
http://www.bodhibaum.net/bardo/bardo.htm